Anonyme Briefe enthalten mehr unbeabsichtigte Hinweise auf ihre Autoren,
als allgemein angenommen

Autoren anonymer Briefe ermitteln, Drohbriefe, Sprachgutachten, Sprachanalyse, Sprachprofiling, Bewerbercheck, forensische Linguistik, etc...
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Stand: 21.06.2011

Amoklauf in Winnenden



Die Logik der Medien oder: Warum die Amokdrohung gar nicht von Tim K. stammen kann

In den ersten Tagen nach dem Massaker wurde die Amokdrohung überall unvollständig oder falsch zitiert. Das gilt insbesondere für die Schreibung.

Der Amokläufer Tim K. war im Frühjahr 2009 siebzehn Jahre alt. Dann war er nach Adam Riese im Frühjahr 1997 fünf Jahre alt. Der Schreiber der Amokdrohung befleißig sich aber komplett der alten Rechtschreibung: Scheiße, Potential sowie Großschreibung der Anredeformen.

Fahrplan zur Einführung (der neuen Rechtschreibung) in Baden-Württemberg

Ab dem Schuljahr 1996/97 beginnen die Erstklässler an den Grundschulen (bzw. Sonderschulen). Regeln werden hier noch nicht erlernt. Die vereinzelt in den Fibeln vorkommenden Schreibweisen einiger Wörter (Nuß/Nuss) sollen den Kindern in der neuen Form vermittelt werden. Gegebenenfalls müssen die Fibeln oder sonstige Materialien handschriftlich korrigiert werden. Für alle weiterführenden Klassen- und Jahrgangsstufen tritt die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung spätestens am 1. August 1998 an jeder Schule in Kraft. Bereits zum Schuljahresbeginn 1996/97 können die Schulen in eigener Verantwortung nach Anhörung des Elternbeirats und der Schulkonferenz durch Beschluss der Gesamtlehrerkonferenz eine vorgezogene Einführung beschließen. Diese ist dann für alle Klassen und Jahrgangsstufen der Schule verbindlich.

Hier der vollständige und unverfälschte Text:

Original Screenshot (zum Vergrößern anklicken):

Links die Ankündigung mit Markierung markanter Merkmale und rechts noch mal im Klartext:

Amoklauf-Ankündigung

 

Erläuterung einiger Internetbegriffe


Imageboard:
Der Beitrag wurde nicht, wie von den Medien zunächst behauptet, in einem Chat oder Blog geschrieben, sondern in einem "Imageboard". Ein Imageboard ist ein Diskussionsforum im Internet, über das, wie schon der Name sagt, hauptsächlich Bilder oder kleinere Binärdateien ausgetauscht werden. Über diese wird dann diskutiert. Imageboards zeichnen sich primär durch einen eigenwilligen, teils auch abartigen und makabren Humor aus. Umdatierungen, also Vor- oder Rückdatierungen von Nachrichten, oder auch das "kreative Nachbearbeiten" von Fotos, Screenshots sind dort gang und gäbe.

Bernd:
die deutsche Entsprechung von engl. Anonymous. Codename für alle Forumsnutzer. Als "Bernd", Plural: "Bernds", wird in dem Forum jeder User bezeichnet, der nicht registriert ist. Der Autor adressierte seine Botschaft also nicht an einen ihm persönlich bekannten Chat-Partner, sondern hinterließ sie an der virtuellen Pinnwand des Forums.

Anonymous:
eine weltweit operierende, dezentrale und selbst organisierende Gruppe von Netzaktivisten.

grillen gehen:
in deutschsprachigen Imageboards ein Synonym für "Suizid begehen", jedoch in nicht ernsthaftem Kontext verwendet und abartig humorvoll, beißend-ironisch, zynisch, sarkastisch gemeint.

trollen:
bedeutet in der Internet-Gemeinde, dass ein Inhalt nicht ernst gemeint ist und nur provozieren soll. Als "Forentroll" bezeichnet man jemanden, der sich in einer Online-Diskussion bewusst provozierend äußert, um Reaktionen hervorzurufen. Trollen bedeutet im Netz-Slang schlicht und einfach "jemanden verarschen".

 

 

Erster "Trittbrettfahrer" schrieb Amok-Androhung

Nach erster Sprachanalyse: Internet-Ankündigung des Amoklaufes in Winnenden ist eine Fälschung


1. "Lotterleben satt"



Das Kompositum Lotterleben zu Anfang der Ankündigung des Massakers (s. Kasten) macht stutzig. Mit "Lotterleben" verbindet man vielerlei, nur nicht den Auslöser für einen Amoklauf. Der Begriff ist bei vielen von uns assoziativ mit "Taugenichts" verknüpft. Josef von Eichendorff lässt grüßen.

Ein "Lotterleben" ist ein einfaches, faules, liederliches, ausschweifendes Leben, ein Leben ohne viel Arbeit, das oft solche Menschen führen, die sich wenig um gesellschaftliche Konventionen scheren. Manch ein Workoholic mag bisweilen von einem Lotterleben träumen. Zurückzuführen ist der Begriff auf althochdeutsch lotar, "leichtfertig", "schlaff, "nichtig". Im Mittelhochdeutschen war ein loter oder lotter ein "Gaukler", "Schelm" oder eben ein "Taugenichts". Besonders den "Schelm" sollten wir in diesem traurigen Zusammenhang im Kurzzeitgedächtnis behalten.

Interessant: Die abwertende Charakterisierung, ein Lotterleben zu führen, wird einer Person innerhalb eines "Fremdbildes" (wie andere diese Person sehen) zugeordnet. Ungewöhnlich wäre diese Zuordnung innerhalb eines "Selbstbildes" (wie diese Person sich selbst sieht). Das Wort taucht jedenfalls heutzutage vorwiegend in Kontexten auf, die ein subjektives Wohlbefinden des derart Charakterisierten ausdrücken, und mit Leiden, Depressionen oder einer Opferrolle, wie sie der Text in Absatz I zumindest andeutet, wenig zu tun haben. Bevor wir uns jedoch diesem Text zuwenden, wollen wir noch kurz auf die psychische Situation von Amokläufern vor ihrer Tat eingehen.


2. Täter-Disposition



Alle Experten sind sich einig: Es gibt nicht das typische Täterprofil eines Amokläufers, wohl aber ähnliche Verhaltensmuster und typische Phasen, die vor der Gewalttat durchlaufen werden.

In der letzten Phase vor dem Amoklauf werden die Gewaltfantasien viel intensiver und es erfolgt ein Wechsel von der Niedergeschlagenheit zu einer zielgerichteten Aggressivität. Der Amoklauf wird vom Täter vorher vielfach in Gedanken durchgespielt und auch im Traum multimedial vorweggenommen, szenisch durchlebt. Der Täter erlebt sich als Hauptakteur, als Herr dieses gnadenlosen Geschehens, dieses kompromisslosen Gewaltszenarios, an dessen Ende zweifelsfrei sein eigener Tod steht. In diesem Stadium vor der Tat entwickelt der Täter eine totale Fokussierung auf das bevorstehende Geschehen und eine Art Tunnelwahrnehmung. Eines aber hat er mit Sicherheit nicht: Distanz zu seiner bevorstehenden Tat.

Wenn er sich für eine schriftliche Ankündigung seiner Gewalttat entscheidet, hat dies unmittelbare Auswirkungen auf seine Schreibdisposition: Wut und Aggressivität, innere Erregung und Aufgewühltheit schlagen sich in seiner Sprache nieder. Sprachliche Normen und Konventionen sind für ihn, der sich in Kürze in schlimmster Weise über Normen hinwegsetzen wird, völlig sekundär. Ein Redigieren seines Textes ist für ihn kein Thema. Und das alles völlig unabhängig von seinem Bildungsgrad.


3. Kurze Textanalyse



Der vorliegende Text, eine Amokdrohung, zählt zu der Untertextsorte der Bedrohungsschreiben. Sollte es sich um eine echte Amok-Ankündigung handeln, müsste der Text typische Merkmale dieser Untertextsorte enthalten und bezüglich seines Wahrheitsgehaltes plausibel und nachvollziehbar sein.

Nachdem nun ein Anfangsverdacht bezüglich einer Fälschung der Ankündigung besteht, ist ein kurzer Blick auf den Ort der Veröffentlichung zu werfen. Man stelle sich vor, die Bundesregierung würde heute, also nicht am 1. April, eine Pressemittelung zur Verstaatlichung deutscher Banken in Pardon,Titanic, Eulenspiegel oder Le Canard enchaîné veröffentlichen. - Würden Sie einer Mitteilung in einem solchen Satiremagazin Glauben schenken?

Als Publikationsort der Amok-Ankündigung erscheint das Forum Krautchan (s. o. Erläuterung zu Imageboard), von dem es heißt: Krautchan.net is a german imageboard where people discuss topics like anime and local topics. (wikipedia.org) Fälschen, speziell von Bildern, gehört bei Krautchan zum Alltag. Gerne werden dort Normen und Konventionen angegriffen, es wird provoziert, karikiert, manipuliert und umdatiert. Die folgende Krautchan-Meldung spricht für sich: Since at least one user of Krautchan reportedly has AIDS, Krautchan can proudly call itself an imageboard officially full of AIDS now. (encyclopediadramatica.com)

Ist Krautchan der rechte Ort für eine echte Amok-Ankündigung?
Durch eine kurze Sprachanalyse der inhaltlichen Struktur der Ankündigung ergibt sich eine weitere unabhängige Zugriffsmöglichkeit zur Bestimmung der Authentizität dieser Androhung.

Die Amok-Ankündigung gliedert sich in drei Absätze.


Absatz I: Befindlichkeit des Autors

Der Autor beginnt seinen Text mit der affektischen Interjektion Scheiße Bernd, (in alter Rechtschreibung). Er drückt also zuallererst seine aktuelle Empfindung aus. Das passt sehr gut zu einer Amok-Ankündigung. Nach diesem Ausrufwort ist es aber auch schon aus und vorbei mit Affekt und Emotionalität des Ankündigers. Vielmehr wird er uns nach der Anrede mit einem gehobenen, zurückhaltenden, flüssigen und weitgehend fehlerfreien Stil überraschen.

Zunächst einmal folgt die deutlich abgeschwächte Formulierung es reicht mir, anstatt passender: mir reicht's!, habe die Schnauze voll! o. ä. Die gewählte Es-Form wirkt hingegen gepflegt-distanziert, eltern- oder lehrerhaft. Das Wort Lotterleben lenkt unsere Assoziationen und Erwartungen in eine ganz bestimmte Richtung (s. Abschnitt 1), nur nicht in Richtung des nachfolgenden Inhalts der Ankündigung. Man möchte fast schon von einer "falschen semantischen Fährte" sprechen.

Die Opferperspektive des von seiner Umwelt ausgelachten und verkannten Menschen wird nur eingeschränkt plausibel dargestellt. Gelungen erscheint die Wahl der Generalisierungen immer (Adverb), alle und niemand (Quantoren) in der Spitzenstellung des jeweiligen Satzes. Der Autor wechselt nun auch folgerichtig grammatikalisch vom Agens (Subjekt) in die Position des Dativobjektes: mich und führt seine Fähigkeiten in der Position des Akkusativobjektes an: mein Potential. Nicht überzeugend wirkt das Nomen Potential. Das Nicht-Erkennen seines Potentials gehört zum Fremdbild des Autors (wie andere Personen ihn sehen), allerdings passen die Nomina Lotterleben und Potential auch eher zum Vokabular einer anderen Person, die sich über den Autor äußert.

Absatz I ist nach der eröffnenden Interjektion emotional viel zu schwach besetzt und wirkt distanziert. Sprachpuristen werden nach diesem ersten Wort ein Komma vermissen. Ansonsten ist die Interpunktion normkonform. An der praktizierten Rechtschreibung ist die Reform spurlos vorübergegangen. Typische Kurzformen aus Chats, wie die Fortlassung des Personalpronomens ich oder hab für habe, sucht man vergebens. Der Sprachduktus wirkt glatt und gekonnt. Die Sätze sind, mit Ausnahme der Kurzform immer das selbe (zugleich mit dem einzigen Rechtschreibfehler) ausformuliert. Das Orientierung an der Hochsprache ist unverkennbar; statt sprechsprachlich keiner wird niemand gewählt.

Schreibt so jemand, der das Objekt von Verspottungen ist und darunter extrem leidet?


Absatz II: Vorhaben des Autors

Eingeleitet wird der zweite Absatz mit dem Satz Ich meine es ernst Bernd …, ebenfalls ohne Komma vor der Anrede. Das ist ein metakommunikativer Satz, der erste im Text (MKSI), der die nachfolgende Ankündigung bekräftigen soll. Unter Metakommunikation versteht man Kommunikation über Kommunikation. Der Autor fährt fort:

… - ich habe Waffen hier, und ich werde morgen früh an meine frühere Schule gehen und mal so richtig gepflegt grillen.

Dieser Satz, wenngleich noch kein Satzgefüge, da ohne Nebensatz (Subordination), ist für eine Ankündigung eines Amoklaufes einfach zu lang und zu wohlgeformt. Auch wollen angehende Amokläufer gefürchtet werden. Dazu passt die scheinbare Beschönigung (Euphemismus) so richtig gepflegt grillen gehen eher nicht. Manch ein internetferner Deutschlehrer oder Psychologe mag zusätzlich die die Alliteration (Wiederholung der Anlaute) des insgesamt alliterationsfreudigen Autors herausheben. Das wäre jedoch nur die halbe Wahrheit, denn es gilt die Erläuterung zu dem Internetbegriff grillen gehen zu Beginn dieser Analyse.

Jene Wendung aus krass-humoristischen Chat-Kontexten der Internet-Community mit der Bedeutung "den Löffel abgeben", "das A....loch zukneifen" usw. erscheint in einem authentischen Bedrohungstext fehl am Platze, es sei denn, wir erkennen sie als das, was sie ist, nämlich als Signal für Ironie und eine recht krasse Form des Humors. Welcher Interpretation man auch immer zuneigt, der internetfernen oder der vermutlich richtigen - das Prädikat mal so richtig gepflegt grillen passt nicht zu einem authentischen Bedrohungstext.

Die Frage, ob … ich werde … an meine frühere Schule gehen einen leichten Regelverstoß darstellen könnte, hat fast schon akademischen Charakter, scheint aber für die aktuelle Fragestellung zunächst ohne Belang. Jedenfalls ist das physische Gebäude oder Gelände der Schule gemeint. Relevant ist jedoch der folgende Satz: Vielleicht komme ich ja auch davon. Das passt überhaupt nicht zu einer echten Amok-Androhung. Weder der Gedanke des Davon-Kommens, noch das abschwächende Vielleicht. Denn der eigene Tod ist für den Amokläufer der Höhepunkt des gesamten Szenarios. Mit seinem Leben hat er schon im Vorfeld definitiv abgeschlossen. Es gibt kein Vielleicht.

Kommunikativ und sprachlich stellt der zweite Absatz eine konsistente Fortsetzung des ersten Absatzes dar. Erneut wird zunächst der fiktive Internet-Partner Bernd angesprochen, gleichfalls findet sich eine Parenthese (ein eingefügter selbständiger Ausdruck), eingeleitet mit einem Gedankenstrich und abgeschlossen mit einem Komma, und ebenfalls wird wieder ein hochsprachliches Wort für ein einfacheres, umgangssprachliches gewählt: frühere Schule statt: alte Schule.
Die angekündigte Rache für Passivität und Ohnmacht erscheint grundsätzlich plausibel. Allein die gewählten sprachlichen Mittel passen überhaupt nicht. Die ausgeprägte Empfänger-Orientierung wäre in einem normalen Chat nachvollziehbar. Bernd ist hingegen nur ein fiktiver Chatpartner. Im Übrigen sind angehende Amokläufer stark ich-bezogen und pflegen vorwiegend eine Einwegkommunikation.


Absatz III: Appelle und Schlussbotschaft

Dieser Absatz enthält den einzigen klaren Grammatikfehler im Text: den Name statt den Namen. Ob dieser Kasusfehler ein Kompetenzfehler, also ein im Individualprogramm des Urhebers angelegter Fehler, oder ein Performanzfehler ("Flüchtigkeitsfehler") ist, kann nicht geklärt werden.

Aufforderungshandlungen und Metakommunikation. Das Textende bildet wiederum ein metakommunikativer Satz: … ich trolle nur. (MKSII). Dieser Satz steht nicht nur im Widerspruch zu MKSI aus Absatz II - Ich meine es ernst … -, sondern er hebt die Ernsthaftigkeit des ganzen Vortextes auf. Der Urheber macht sich zusätzlich die Mühe, seinen Schlusssatz fett zu drucken. Durch diese optische Reliefgebung drückt er aus: Dies ist die wichtigste Botschaft in meinem Text. Für ein solches Sprachverhalten gibt es viele Vorgängertexte, etwa den Moik-Song von Stefan Raab (S. Kasten: Beispiel).

Beispiel für metakommunikativen Hinweis am Ende

Raabs Spaß-Song mit abschließendem Appell und metakommunikativen Signal
(= Raab über Raabs Kommunikation und Intention)

Schluss des Karl-Moik-Songs von Stefan Raab

Der Karl, der Karl, der Moik, Moik, Moik,
der kifft das schärfste Zeug, Zeug, Zeug.
Und dann gibt er richtig Gas, Gas, Gas.
Bitte nicht verklagen, ist nur Spaß


Ein Text sollte nach Möglichkeit einerseits semantisch und syntaktisch korrekt sein, was auf diese Ankündigung im Wesentlichen zutrifft. Andererseits sollte er der Situation angemessen sein und dem Erreichen von konkreten kommunikativen Zielen dienen.

Die von einem Autor in sukzessiven Entscheidungen getroffene Wahl der sprachlichen Mittel manifestiert sich dessen Text als Stil. Der Autor der Amokdrohung nutzt drei stilistische Register, eine gepflegte Ausdrucksweise in alter Rechtschreibung für den Hauptinhalt, einen spezifischen Internet-Jargon zur kommunikativen Steuerung und er greift ein einziges Mal, texteinleitend, in die vulgäre Schublade (s. Kasten: Stilebenen).

Stilebenen der Amok-Ankündigung

gehoben, förmlich (in alter Rechtschreibung)
für den Hauptinhalt (Stufe + 1)

- es reicht mir
- ich habe (statt Kurzformen)
- dieses Lotterleben
- niemand …
- … erkennt mein Potential
- meine frühere Schule

spezifische Forensprache,
für Gruppenkontakt, Insider- und Metakommunikation

- Bernd/Bernds
- gepflegt grillen
- trollen: ich trolle nur

vulgär (in alter Rechtschreibung) (Stufe: - 3)
ein einziges Wort, zur Einstimmung am Textanfang


Die Amok-Ankündigung weist also einen Stilbruch nach dem ersten Wort, nach der Texteröffnung auf (Wechsel von - 3 zu +1). Danach aber bewegt der Autor sich nur durchgängig auf der gehobenen Stilebene.

Ein Stilbruch ist Verstoß gegen einen einheitlichen Stils durch Verwendung eines sprachlichen Elementes oder Ausdrucks, der von seinem Stilniveau her nicht zum übrigen Text passt und als störend oder gar provozierend empfunden wird.

Stilbrüche können sowohl eine niedrigere als auch höhere Stillage in den Text einbringen. Der Wechsel zu einer niedrigeren Stillage bewirkt Schockwirkung, Tabubruch, Demontage, wie etwa in Hallervordens Dinner-Sketch, in dem ein Gast sich in einem Restaurant zögerlich dem Tisch eines "gepflegt" dinierenden Paares nähert und fragt: Entschuldigen Sie bitte, hätten Sie wohl die liebenswürdige Güte, um mir verraten zu können, wo hier die Toiletten sind? …(http://www.youtube.com/watch?v=k_4XYWoPoLM)

Das Einbringen einer höheren Stillage hingegen bewirkt, wie in dieser Amok-Ankündigung, Ironisierung, Verfremdung.

Stilbrüche können auf mangelnde Motivationskonzentration eines Verfassers zurückgehen. Das gilt erst recht für Widersprüche.
Der Hinweis auf eine möglich schizoide Depression des Autors ist jedoch entschieden zurückzuweisen. Dafür ist die Nachricht auf allen Ebenen zu gut ausgearbeitet und kontrolliert.

Fassen wir die Ergebnisse dieser ersten kurzen Textanalyse zusammen. Der Individualstil des Autors der Amokdrohung ist gekennzeichnet durch

- eine für die Textsorte durchaus akzeptable Interpunktion
- eine fast fehlerfreie Orthografie (Ausnahme: eine Getrennt-Schreibung: das selbe)
- eine Anwendung der alten Rechtschreibung
- eine fast korrekte Grammatik (Ausnahme: ein Kasusfehler)
- mittellange, wohlgeformte Sätze (nur Parataxe)
- einen gepflegten Wortschatz
- eine routinierte Verwendung einschlägiger Internetbegriffe
- eine geringe Expressivität und Emotionalität
- einen fast völligen Verzicht auf Vulgarismen (Ausnahme: erstes Wort) [und in der Folge]
- einen auffälligen Stilbruch am Textanfang
- einen ansonsten flüssigen, gehobenen Stil
- einen fast völligen Verzicht auf Sprechsprache (Ausnahme: mal)
- eine scheinbare intensive, fast schon phatische (= freundlich-dialogische) Adressatenorientierung
- eine recht sorgfältige Textplanung und Textbearbeitung
[sowie]
- einen guten, gelungenen Textaufbau
- eine große kommunikative Distanz zum Dargestellten
- zwei metasprachliche Hinweise


Als Distanz- und Ironiesignale werden genutzt:

- der Ort der der Ankündigung
- der Stilbruch und die Stilmischung im Text
- der Schlusshinweis: … ich trolle nur


Fazit:

Die Ankündigung stammt "aus der Tatstatur eines Taugenichts", der Autor ist in der Tat ein "Schelm" und nicht der Amokläufer Tim K.

Klammert man das erste Wort und die Appelle (Imperative) in Absatz III einmal aus, dann passt die gesamte sprachliche Darbietung, auch in ihrer Wohlgeformtheit, nicht zu einem wirklichen Täter vor seinem Amoklauf. Eine echte Ankündigung eines Amoklaufes mit einer solchen Interpunktion und Orthografie, mit einem derartigen Wortschatz und Satzbau hat es noch nie gegeben und wird es auch nie geben

Der Diskurs, ein scheinbarer Dialog, zeugt von einer deutlichen Distanz zum dargestellten Inhalt in Verbindung mit einem makabren, geschmacklosen Humor. Amokläufer, die vor ihrer Tat stehen, sind aber bekanntermaßen wenig humorvoll.

Deshalb können wir den Autor dieses Textes getrost als "ersten Trittbrettfahrer" bezeichnen.


4. Konsequenzen



Nach diesem Ergebnis stellen sich Fragen zu der weiteren Vorgehensweise. Zwei Ermittlungsschritte sind vorzuschlagen.

Ermittlungsschritt 1:

Nach dieser Analyse Abgleich mit dem Vergleichsschriftgut des Amokläufers Tim K., insbesondere mit dessen Chat-Beiträgen. Wenn, wie das Nachrichtenmagazin "Spiegel" berichtete, der jugendliche Täter bereits vor Monaten unter mehreren Pseudonymen wie "JawsPredator1" im Internet aktiv gewesen sollte, stünde das geeignete Vergleichsmaterial schon zur Verfügung. Geradezu ideal für Sprachvergleiche wären wegen des ähnlichen Inhalts Tims Textbeiträge zu Amokläufen an Schulen, etwa zu den Massakern von Erfurt und Emsdetten, in einem Diskussionsforum. Denn dabei böte sich die Möglichkeit eines stilistischern Vergleichs thematisch verwandter/ähnlicher Passagen im Hinblick auf die Verfasserfrage. Dabei wäre dem Merkmal unterschiedlicher Distanz der damaligen Beiträge gegenüber dem aktuellen Text jedoch Rechnung zu tragen.


Ermittlungsschritt 2:

Sofern dieser Amok-Androhung nun, wie zu erwarten ist, nicht von Tim K. stammt, stellt sich die schwierige Aufgabe der Suche nach dem wirklichen Autor dieses Fakes. Dabei kann die Anfertigung eines Autorenprofils für einen Fahndungsansatz sinnvoll sein.

Autorenprofile werden erarbeitet, um zu ermitteln, in welchen sozialen Kreisen oder Berufsgruppen der Autor zu suchen ist, ob er einen Dialekt spricht oder Ausländer ist, wie groß seine stilistischen Fähigkeiten sind, ob er einen bestimmten Wortschatz bevorzugt, ob man auf eine bestimmte Bildung oder bevorzugte Tätigkeit des Autors schließen kann und dergleichen mehr.

Es handelt sich allem Anschein nach um eine männliche Person, die vermutlich älter ist als 17 Jahre. Jedenfalls ist sie der alten Rechtschreibung verhaftet.

 

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