Amoklauf in Winnenden
Die Logik der Medien oder: Warum die Amokdrohung gar
nicht von Tim K. stammen kann
In den ersten Tagen nach dem Massaker wurde die Amokdrohung
überall unvollständig oder falsch zitiert. Das
gilt insbesondere für die Schreibung.
Der Amokläufer Tim K. war im Frühjahr 2009 siebzehn
Jahre alt. Dann war er nach Adam Riese im Frühjahr
1997 fünf Jahre alt. Der Schreiber der Amokdrohung
befleißig sich aber komplett der alten Rechtschreibung:
Scheiße, Potential sowie Großschreibung
der Anredeformen.
Fahrplan zur Einführung (der neuen Rechtschreibung)
in Baden-Württemberg
Ab dem Schuljahr 1996/97 beginnen die Erstklässler
an den Grundschulen (bzw. Sonderschulen). Regeln werden
hier noch nicht erlernt. Die vereinzelt in den Fibeln vorkommenden
Schreibweisen einiger Wörter (Nuß/Nuss) sollen
den Kindern in der neuen Form vermittelt werden. Gegebenenfalls
müssen die Fibeln oder sonstige Materialien handschriftlich
korrigiert werden. Für alle weiterführenden Klassen-
und Jahrgangsstufen tritt die Neuregelung der deutschen
Rechtschreibung spätestens am 1. August 1998 an jeder
Schule in Kraft. Bereits zum Schuljahresbeginn 1996/97 können
die Schulen in eigener Verantwortung nach Anhörung
des Elternbeirats und der Schulkonferenz durch Beschluss
der Gesamtlehrerkonferenz eine vorgezogene Einführung
beschließen. Diese ist dann für alle Klassen
und Jahrgangsstufen der Schule verbindlich.
Hier der vollständige und unverfälschte Text:
|
Original Screenshot (zum Vergrößern anklicken):

Links die Ankündigung mit Markierung markanter
Merkmale und rechts noch mal im Klartext:
 |
Scheiße Bernd, es reicht mir. Ich
habe dieses Lotterleben satt, immer das selbe
- alle lachen mich aus, niemand erkennt mein
Potential.
Ich meine es ernst Bernd - ich habe Waffen hier,
und ich werde morgen früh an meine frühere Schule
gehen und mal so richtig gepflegt grillen. Vielleicht
komme ich ja auch davon.
Haltet die Ohren offen, Bernds, Ihr werdet morgen
von mir hören. Merkt Euch nur den Name des Orts:
Winnenden. Und jetzt keine Meldung an die
Polizei, keine Angst,
ich trolle nur
|
Erläuterung einiger Internetbegriffe
Imageboard:
Der Beitrag wurde nicht, wie von den Medien zunächst
behauptet, in einem Chat oder Blog geschrieben, sondern
in einem "Imageboard". Ein Imageboard ist
ein Diskussionsforum im Internet, über das, wie
schon der Name sagt, hauptsächlich Bilder oder
kleinere Binärdateien ausgetauscht werden. Über
diese wird dann diskutiert. Imageboards zeichnen sich
primär durch einen eigenwilligen, teils auch
abartigen und makabren Humor aus. Umdatierungen, also
Vor- oder Rückdatierungen von Nachrichten, oder
auch das "kreative Nachbearbeiten" von Fotos,
Screenshots sind dort gang und gäbe.
Bernd:
die deutsche Entsprechung von engl. Anonymous. Codename
für alle Forumsnutzer. Als "Bernd",
Plural: "Bernds", wird in dem Forum jeder
User bezeichnet, der nicht registriert ist. Der Autor
adressierte seine Botschaft also nicht an einen ihm
persönlich bekannten Chat-Partner, sondern hinterließ
sie an der virtuellen Pinnwand des Forums.
Anonymous:
eine weltweit operierende, dezentrale und selbst organisierende
Gruppe von Netzaktivisten.
grillen gehen:
in deutschsprachigen Imageboards ein Synonym für
"Suizid begehen", jedoch in nicht ernsthaftem
Kontext verwendet und abartig humorvoll, beißend-ironisch,
zynisch, sarkastisch gemeint.
trollen:
bedeutet in der Internet-Gemeinde, dass ein Inhalt
nicht ernst gemeint ist und nur provozieren soll.
Als "Forentroll" bezeichnet man jemanden,
der sich in einer Online-Diskussion bewusst provozierend
äußert, um Reaktionen hervorzurufen. Trollen
bedeutet im Netz-Slang schlicht und einfach "jemanden
verarschen".
|
Erster "Trittbrettfahrer" schrieb Amok-Androhung
Nach erster Sprachanalyse: Internet-Ankündigung des
Amoklaufes in Winnenden ist eine Fälschung
1. "Lotterleben satt"
Das Kompositum Lotterleben zu Anfang der Ankündigung
des Massakers (s. Kasten) macht stutzig. Mit "Lotterleben"
verbindet man vielerlei, nur nicht den Auslöser für
einen Amoklauf. Der Begriff ist bei vielen von uns assoziativ
mit "Taugenichts" verknüpft. Josef von Eichendorff
lässt grüßen.
Ein "Lotterleben" ist ein einfaches, faules,
liederliches, ausschweifendes Leben, ein Leben ohne viel
Arbeit, das oft solche Menschen führen, die sich wenig
um gesellschaftliche Konventionen scheren. Manch ein Workoholic
mag bisweilen von einem Lotterleben träumen. Zurückzuführen
ist der Begriff auf althochdeutsch lotar, "leichtfertig",
"schlaff, "nichtig". Im Mittelhochdeutschen
war ein loter oder lotter ein "Gaukler",
"Schelm" oder eben ein "Taugenichts".
Besonders den "Schelm" sollten wir in diesem traurigen
Zusammenhang im Kurzzeitgedächtnis behalten.
Interessant: Die abwertende Charakterisierung, ein Lotterleben
zu führen, wird einer Person innerhalb eines "Fremdbildes"
(wie andere diese Person sehen) zugeordnet. Ungewöhnlich
wäre diese Zuordnung innerhalb eines "Selbstbildes"
(wie diese Person sich selbst sieht). Das Wort taucht jedenfalls
heutzutage vorwiegend in Kontexten auf, die ein subjektives
Wohlbefinden des derart Charakterisierten ausdrücken,
und mit Leiden, Depressionen oder einer Opferrolle, wie
sie der Text in Absatz I zumindest andeutet, wenig zu tun
haben. Bevor wir uns jedoch diesem Text zuwenden, wollen
wir noch kurz auf die psychische Situation von Amokläufern
vor ihrer Tat eingehen.
2. Täter-Disposition
Alle Experten sind sich einig: Es gibt nicht das
typische Täterprofil eines Amokläufers, wohl aber
ähnliche Verhaltensmuster und typische Phasen, die
vor der Gewalttat durchlaufen werden.
In der letzten Phase vor dem Amoklauf werden die Gewaltfantasien
viel intensiver und es erfolgt ein Wechsel von der Niedergeschlagenheit
zu einer zielgerichteten Aggressivität. Der Amoklauf
wird vom Täter vorher vielfach in Gedanken durchgespielt
und auch im Traum multimedial vorweggenommen, szenisch durchlebt.
Der Täter erlebt sich als Hauptakteur, als Herr dieses
gnadenlosen Geschehens, dieses kompromisslosen Gewaltszenarios,
an dessen Ende zweifelsfrei sein eigener Tod steht. In diesem
Stadium vor der Tat entwickelt der Täter eine totale
Fokussierung auf das bevorstehende Geschehen und eine Art
Tunnelwahrnehmung. Eines aber hat er mit Sicherheit nicht:
Distanz zu seiner bevorstehenden Tat.
Wenn er sich für eine schriftliche Ankündigung
seiner Gewalttat entscheidet, hat dies unmittelbare Auswirkungen
auf seine Schreibdisposition: Wut und Aggressivität,
innere Erregung und Aufgewühltheit schlagen sich in
seiner Sprache nieder. Sprachliche Normen und Konventionen
sind für ihn, der sich in Kürze in schlimmster
Weise über Normen hinwegsetzen wird, völlig sekundär.
Ein Redigieren seines Textes ist für ihn kein Thema.
Und das alles völlig unabhängig von seinem Bildungsgrad.
3. Kurze Textanalyse
Der vorliegende Text, eine Amokdrohung, zählt zu der
Untertextsorte der Bedrohungsschreiben. Sollte es sich um
eine echte Amok-Ankündigung handeln, müsste der
Text typische Merkmale dieser Untertextsorte enthalten und
bezüglich seines Wahrheitsgehaltes plausibel und nachvollziehbar
sein.
Nachdem nun ein Anfangsverdacht bezüglich einer Fälschung
der Ankündigung besteht, ist ein kurzer Blick auf den
Ort der Veröffentlichung zu werfen. Man stelle sich
vor, die Bundesregierung würde heute, also nicht am
1. April, eine Pressemittelung zur Verstaatlichung deutscher
Banken in Pardon,Titanic, Eulenspiegel oder
Le Canard enchaîné veröffentlichen.
- Würden Sie einer Mitteilung in einem solchen Satiremagazin
Glauben schenken?
Als Publikationsort der Amok-Ankündigung erscheint
das Forum Krautchan (s. o. Erläuterung zu Imageboard),
von dem es heißt: Krautchan.net is a german imageboard
where people discuss topics like anime and local topics.
(wikipedia.org) Fälschen, speziell von Bildern,
gehört bei Krautchan zum Alltag. Gerne werden
dort Normen und Konventionen angegriffen, es wird provoziert,
karikiert, manipuliert und umdatiert. Die folgende Krautchan-Meldung
spricht für sich: Since at least one user of Krautchan
reportedly has AIDS, Krautchan can proudly call itself an
imageboard officially full of AIDS now. (encyclopediadramatica.com)
Ist Krautchan der rechte Ort für eine echte
Amok-Ankündigung?
Durch eine kurze Sprachanalyse der inhaltlichen Struktur
der Ankündigung ergibt sich eine weitere unabhängige
Zugriffsmöglichkeit zur Bestimmung der Authentizität
dieser Androhung.
Die Amok-Ankündigung gliedert sich in drei Absätze.
Absatz I: Befindlichkeit des Autors
Der Autor beginnt seinen Text mit der affektischen Interjektion
Scheiße Bernd, (in alter Rechtschreibung).
Er drückt also zuallererst seine aktuelle Empfindung
aus. Das passt sehr gut zu einer Amok-Ankündigung.
Nach diesem Ausrufwort ist es aber auch schon aus und vorbei
mit Affekt und Emotionalität des Ankündigers.
Vielmehr wird er uns nach der Anrede mit einem gehobenen,
zurückhaltenden, flüssigen und weitgehend fehlerfreien
Stil überraschen.
Zunächst einmal folgt die deutlich abgeschwächte
Formulierung es reicht mir, anstatt passender: mir
reicht's!, habe die Schnauze voll! o. ä. Die gewählte
Es-Form wirkt hingegen gepflegt-distanziert, eltern- oder
lehrerhaft. Das Wort Lotterleben lenkt unsere Assoziationen
und Erwartungen in eine ganz bestimmte Richtung (s. Abschnitt
1), nur nicht in Richtung des nachfolgenden Inhalts der
Ankündigung. Man möchte fast schon von einer "falschen
semantischen Fährte" sprechen.
Die Opferperspektive des von seiner Umwelt ausgelachten
und verkannten Menschen wird nur eingeschränkt plausibel
dargestellt. Gelungen erscheint die Wahl der Generalisierungen
immer (Adverb), alle und niemand (Quantoren)
in der Spitzenstellung des jeweiligen Satzes. Der Autor
wechselt nun auch folgerichtig grammatikalisch vom Agens
(Subjekt) in die Position des Dativobjektes: mich
und führt seine Fähigkeiten in der Position des
Akkusativobjektes an: mein Potential. Nicht überzeugend
wirkt das Nomen Potential. Das Nicht-Erkennen seines
Potentials gehört zum Fremdbild des Autors (wie andere
Personen ihn sehen), allerdings passen die Nomina Lotterleben
und Potential auch eher zum Vokabular einer anderen
Person, die sich über den Autor äußert.
Absatz I ist nach der eröffnenden Interjektion emotional
viel zu schwach besetzt und wirkt distanziert. Sprachpuristen
werden nach diesem ersten Wort ein Komma vermissen. Ansonsten
ist die Interpunktion normkonform. An der praktizierten
Rechtschreibung ist die Reform spurlos vorübergegangen.
Typische Kurzformen aus Chats, wie die Fortlassung des Personalpronomens
ich oder hab für habe, sucht man
vergebens. Der Sprachduktus wirkt glatt und gekonnt. Die
Sätze sind, mit Ausnahme der Kurzform immer das
selbe (zugleich mit dem einzigen Rechtschreibfehler)
ausformuliert. Das Orientierung an der Hochsprache ist unverkennbar;
statt sprechsprachlich keiner wird niemand
gewählt.
Schreibt so jemand, der das Objekt von Verspottungen ist
und darunter extrem leidet?
Absatz II: Vorhaben des Autors
Eingeleitet wird der zweite Absatz mit dem Satz Ich
meine es ernst Bernd
, ebenfalls ohne Komma vor
der Anrede. Das ist ein metakommunikativer Satz, der erste
im Text (MKSI), der die nachfolgende Ankündigung bekräftigen
soll. Unter Metakommunikation versteht man Kommunikation
über Kommunikation. Der Autor fährt fort:
- ich habe Waffen hier, und ich werde morgen
früh an meine frühere Schule gehen und mal so
richtig gepflegt grillen.
Dieser Satz, wenngleich noch kein Satzgefüge, da ohne
Nebensatz (Subordination), ist für eine Ankündigung
eines Amoklaufes einfach zu lang und zu wohlgeformt. Auch
wollen angehende Amokläufer gefürchtet werden.
Dazu passt die scheinbare Beschönigung (Euphemismus)
so richtig gepflegt grillen gehen eher nicht. Manch
ein internetferner Deutschlehrer oder Psychologe mag zusätzlich
die die Alliteration (Wiederholung der Anlaute) des insgesamt
alliterationsfreudigen Autors herausheben. Das wäre
jedoch nur die halbe Wahrheit, denn es gilt die Erläuterung
zu dem Internetbegriff grillen gehen zu Beginn dieser
Analyse.
Jene Wendung aus krass-humoristischen Chat-Kontexten der
Internet-Community mit der Bedeutung "den Löffel
abgeben", "das A....loch zukneifen" usw.
erscheint in einem authentischen Bedrohungstext fehl am
Platze, es sei denn, wir erkennen sie als das, was sie ist,
nämlich als Signal für Ironie und eine recht krasse
Form des Humors. Welcher Interpretation man auch immer zuneigt,
der internetfernen oder der vermutlich richtigen - das Prädikat
mal so richtig gepflegt grillen passt nicht zu einem
authentischen Bedrohungstext.
Die Frage, ob
ich werde
an meine frühere
Schule gehen einen leichten Regelverstoß darstellen
könnte, hat fast schon akademischen Charakter, scheint
aber für die aktuelle Fragestellung zunächst ohne
Belang. Jedenfalls ist das physische Gebäude oder Gelände
der Schule gemeint. Relevant ist jedoch der folgende Satz:
Vielleicht komme ich ja auch davon. Das passt überhaupt
nicht zu einer echten Amok-Androhung. Weder der Gedanke
des Davon-Kommens, noch das abschwächende Vielleicht.
Denn der eigene Tod ist für den Amokläufer der
Höhepunkt des gesamten Szenarios. Mit seinem Leben
hat er schon im Vorfeld definitiv abgeschlossen. Es gibt
kein Vielleicht.
Kommunikativ und sprachlich stellt der zweite Absatz eine
konsistente Fortsetzung des ersten Absatzes dar. Erneut
wird zunächst der fiktive Internet-Partner Bernd
angesprochen, gleichfalls findet sich eine Parenthese (ein
eingefügter selbständiger Ausdruck), eingeleitet
mit einem Gedankenstrich und abgeschlossen mit einem Komma,
und ebenfalls wird wieder ein hochsprachliches Wort für
ein einfacheres, umgangssprachliches gewählt: frühere
Schule statt: alte Schule.
Die angekündigte Rache für Passivität und
Ohnmacht erscheint grundsätzlich plausibel. Allein
die gewählten sprachlichen Mittel passen überhaupt
nicht. Die ausgeprägte Empfänger-Orientierung
wäre in einem normalen Chat nachvollziehbar. Bernd
ist hingegen nur ein fiktiver Chatpartner. Im Übrigen
sind angehende Amokläufer stark ich-bezogen und pflegen
vorwiegend eine Einwegkommunikation.
Absatz III: Appelle und Schlussbotschaft
Dieser Absatz enthält den einzigen klaren Grammatikfehler
im Text: den Name statt den Namen. Ob dieser
Kasusfehler ein Kompetenzfehler, also ein im Individualprogramm
des Urhebers angelegter Fehler, oder ein Performanzfehler
("Flüchtigkeitsfehler") ist, kann nicht geklärt
werden.
Aufforderungshandlungen und Metakommunikation. Das Textende
bildet wiederum ein metakommunikativer Satz:
ich
trolle nur. (MKSII). Dieser Satz steht nicht nur im
Widerspruch zu MKSI aus Absatz II - Ich meine es ernst
-, sondern er hebt die Ernsthaftigkeit des ganzen
Vortextes auf. Der Urheber macht sich zusätzlich die
Mühe, seinen Schlusssatz fett zu drucken. Durch diese
optische Reliefgebung drückt er aus: Dies ist die wichtigste
Botschaft in meinem Text. Für ein solches Sprachverhalten
gibt es viele Vorgängertexte, etwa den Moik-Song von
Stefan Raab (S. Kasten: Beispiel).
|
Beispiel für metakommunikativen Hinweis am Ende
Raabs Spaß-Song mit abschließendem Appell und metakommunikativen
Signal
(= Raab über Raabs Kommunikation und Intention)
Schluss des Karl-Moik-Songs von Stefan Raab
Der Karl, der Karl, der Moik, Moik, Moik,
der kifft das schärfste Zeug, Zeug, Zeug.
Und dann gibt er richtig Gas, Gas, Gas.
Bitte nicht verklagen, ist nur Spaß
|
Ein Text sollte nach Möglichkeit einerseits semantisch
und syntaktisch korrekt sein, was auf diese Ankündigung
im Wesentlichen zutrifft. Andererseits sollte er der Situation
angemessen sein und dem Erreichen von konkreten kommunikativen
Zielen dienen.
Die von einem Autor in sukzessiven Entscheidungen getroffene
Wahl der sprachlichen Mittel manifestiert sich dessen Text
als Stil. Der Autor der Amokdrohung nutzt drei stilistische
Register, eine gepflegte Ausdrucksweise in alter Rechtschreibung
für den Hauptinhalt, einen spezifischen Internet-Jargon
zur kommunikativen Steuerung und er greift ein einziges
Mal, texteinleitend, in die vulgäre Schublade (s. Kasten:
Stilebenen).
|
Stilebenen der Amok-Ankündigung
gehoben, förmlich (in alter Rechtschreibung)
für den Hauptinhalt (Stufe + 1)
- es reicht mir
- ich habe (statt Kurzformen)
- dieses Lotterleben
- niemand
-
erkennt mein Potential
- meine frühere Schule
spezifische Forensprache,
für Gruppenkontakt, Insider- und Metakommunikation
- Bernd/Bernds
- gepflegt grillen
- trollen: ich trolle nur
vulgär (in alter Rechtschreibung) (Stufe:
- 3)
ein einziges Wort, zur Einstimmung am Textanfang
|
Die Amok-Ankündigung weist also einen Stilbruch nach
dem ersten Wort, nach der Texteröffnung auf (Wechsel
von - 3 zu +1). Danach aber bewegt der Autor sich nur durchgängig
auf der gehobenen Stilebene.
Ein Stilbruch ist Verstoß gegen einen einheitlichen
Stils durch Verwendung eines sprachlichen Elementes oder
Ausdrucks, der von seinem Stilniveau her nicht zum übrigen
Text passt und als störend oder gar provozierend empfunden
wird.
Stilbrüche können sowohl eine niedrigere als
auch höhere Stillage in den Text einbringen. Der Wechsel
zu einer niedrigeren Stillage bewirkt Schockwirkung, Tabubruch,
Demontage, wie etwa in Hallervordens Dinner-Sketch, in dem
ein Gast sich in einem Restaurant zögerlich dem Tisch
eines "gepflegt" dinierenden Paares nähert
und fragt: Entschuldigen Sie bitte, hätten Sie wohl
die liebenswürdige Güte, um mir verraten zu können,
wo hier die Toiletten sind?
(http://www.youtube.com/watch?v=k_4XYWoPoLM)
Das Einbringen einer höheren Stillage hingegen bewirkt,
wie in dieser Amok-Ankündigung, Ironisierung, Verfremdung.
Stilbrüche können auf mangelnde Motivationskonzentration
eines Verfassers zurückgehen. Das gilt erst recht für
Widersprüche.
Der Hinweis auf eine möglich schizoide Depression des
Autors ist jedoch entschieden zurückzuweisen. Dafür
ist die Nachricht auf allen Ebenen zu gut ausgearbeitet
und kontrolliert.
Fassen wir die Ergebnisse dieser ersten kurzen Textanalyse
zusammen. Der Individualstil des Autors der Amokdrohung ist
gekennzeichnet durch
- eine für die Textsorte durchaus akzeptable Interpunktion
- eine fast fehlerfreie Orthografie (Ausnahme: eine Getrennt-Schreibung:
das selbe)
- eine Anwendung der alten Rechtschreibung
- eine fast korrekte Grammatik (Ausnahme: ein Kasusfehler)
- mittellange, wohlgeformte Sätze (nur Parataxe)
- einen gepflegten Wortschatz
- eine routinierte Verwendung einschlägiger Internetbegriffe
- eine geringe Expressivität und Emotionalität
- einen fast völligen Verzicht auf Vulgarismen (Ausnahme:
erstes Wort) [und in der Folge]
- einen auffälligen Stilbruch am Textanfang
- einen ansonsten flüssigen, gehobenen Stil
- einen fast völligen Verzicht auf Sprechsprache (Ausnahme:
mal)
- eine scheinbare intensive, fast schon phatische (= freundlich-dialogische)
Adressatenorientierung
- eine recht sorgfältige Textplanung und Textbearbeitung
[sowie]
- einen guten, gelungenen Textaufbau
- eine große kommunikative Distanz zum Dargestellten
- zwei metasprachliche Hinweise
Als Distanz- und Ironiesignale werden genutzt:
- der Ort der der Ankündigung
- der Stilbruch und die Stilmischung im Text
- der Schlusshinweis:
ich trolle nur
Fazit:
Die Ankündigung stammt "aus der Tatstatur eines
Taugenichts", der Autor ist in der Tat ein "Schelm"
und nicht der Amokläufer Tim K.
Klammert man das erste Wort und die Appelle (Imperative)
in Absatz III einmal aus, dann passt die gesamte sprachliche
Darbietung, auch in ihrer Wohlgeformtheit, nicht zu einem
wirklichen Täter vor seinem Amoklauf. Eine echte Ankündigung
eines Amoklaufes mit einer solchen Interpunktion und Orthografie,
mit einem derartigen Wortschatz und Satzbau hat es noch
nie gegeben und wird es auch nie geben
Der Diskurs, ein scheinbarer Dialog, zeugt von einer deutlichen
Distanz zum dargestellten Inhalt in Verbindung mit einem
makabren, geschmacklosen Humor. Amokläufer, die vor
ihrer Tat stehen, sind aber bekanntermaßen wenig humorvoll.
Deshalb können wir den Autor dieses Textes getrost
als "ersten Trittbrettfahrer" bezeichnen.
4. Konsequenzen
Nach diesem Ergebnis stellen sich Fragen zu der weiteren
Vorgehensweise. Zwei Ermittlungsschritte sind vorzuschlagen.
Ermittlungsschritt 1:
Nach dieser Analyse Abgleich mit dem Vergleichsschriftgut
des Amokläufers Tim K., insbesondere mit dessen Chat-Beiträgen.
Wenn, wie das Nachrichtenmagazin "Spiegel" berichtete,
der jugendliche Täter bereits vor Monaten unter mehreren
Pseudonymen wie "JawsPredator1" im Internet aktiv
gewesen sollte, stünde das geeignete Vergleichsmaterial
schon zur Verfügung. Geradezu ideal für Sprachvergleiche
wären wegen des ähnlichen Inhalts Tims Textbeiträge
zu Amokläufen an Schulen, etwa zu den Massakern von
Erfurt und Emsdetten, in einem Diskussionsforum. Denn dabei
böte sich die Möglichkeit eines stilistischern
Vergleichs thematisch verwandter/ähnlicher Passagen
im Hinblick auf die Verfasserfrage. Dabei wäre dem
Merkmal unterschiedlicher Distanz der damaligen Beiträge
gegenüber dem aktuellen Text jedoch Rechnung zu tragen.
Ermittlungsschritt 2:
Sofern dieser Amok-Androhung nun, wie zu erwarten ist,
nicht von Tim K. stammt, stellt sich die schwierige Aufgabe
der Suche nach dem wirklichen Autor dieses Fakes. Dabei
kann die Anfertigung eines Autorenprofils für einen
Fahndungsansatz sinnvoll sein.
Autorenprofile werden erarbeitet, um zu ermitteln, in welchen
sozialen Kreisen oder Berufsgruppen der Autor zu suchen
ist, ob er einen Dialekt spricht oder Ausländer ist,
wie groß seine stilistischen Fähigkeiten sind,
ob er einen bestimmten Wortschatz bevorzugt, ob man auf
eine bestimmte Bildung oder bevorzugte Tätigkeit des
Autors schließen kann und dergleichen mehr.
Es handelt sich allem Anschein nach um eine männliche
Person, die vermutlich älter ist als 17 Jahre. Jedenfalls
ist sie der alten Rechtschreibung verhaftet.
|