Anonyme Angriffe vor allem durch Innentäter
WIK - Zeitschrift für die Sicherheit der
Wirtschaft (30/11/2001)
Ob klassisches Mobbing oder Erpressung - über
Angriffe in Wort und Schrift spricht kein Unternehmen gerne.
Der Linguistenverband Deutschland (LVD), der seit den achtziger
Jahren insbesondere bei schwerwiegenden anonymen Angriffen
hinzugezogen wird, hat jetzt erstmals seine Fälle ausgewertet.
Von Raimund H. Drommel
Die rund 1700 dokumentierten Fälle können zwar keine Repräsentativität
beanspruchen aber gleichwohl interessante Tendenzen aufzeigen.
So herrscht unter den mit der Thematik befassten Experten
Einigkeit bezüglich der Häufigkeitsverteilung der verschiedenen
Arten von anonymen Angriffe in Wort und Schrift. Die Rangfolge
der Delikttypen in der LVD-Statistik:
- Klassisches "Business-Mobbing" (ABM) mit zumindest
indirektem Schaden für Unternehmen
- Interne Beleidigung/üble Nachrede/Verleumdung (§§
185ff StGB)
- falsche Anschuldigung (§ 164 StGB)
- Bedrohung (auch nach § 241 StGB)
- öffentliche Verleumdung/Bedrohung
- Erpressung (§ 253 StGB)
- Verrat von Betriebsgeheimnissen (§ 120 Betriebsverfassungsge
-setz)
- Werks- und Wirtschaftsspionage: Auskundschaften und/oder
Weitergabe von (vertraulichen) Informationen, Betriebs-
und Geschäftsvorgängen (§ 17 Gesetz gegen den unlauteren
Wettbewerb)
Während die Anzahl an Fällen von "Beleidigung/Verleumdung/Bedrohung"
seit Beginn der achtziger Jahre nahezu gleich blieb, wies
der bei weitem häufigste Angriffstyp, der des "anonymen
Business-Mobbing", besonders in der zweiten Hälfte
der 80er Jahre eine deutliche Steigerung auf. Die Fälle
öffentlicher Verleumdung/Bedrohung haben sich in den 90er
Jahren verdoppelt. Deutlich zugenommen haben in der zweiten
Dekade auch die Erpressungsfälle.
Der Analyse der Berater erschließen sich dabei vor allem
die sechs häufigsten Delikttypen. Im Gegensatz zu Geheimnisverrat
und Spionage hinterlassen sie durch Ton- und Schriftdokumente
auswertbares Material.
Deliktanalyse
Die Übergänge zwischen ABM, Verleumdung, Bedrohung, Erpressung
sind fließend. Aber alle diese Tatbestände haben folgende
Gemeinsamkeiten:
- es wird aus dem Schutz der Anonymität heraus operiert.
- die anonymen Aktivitäten erfolgen zum Nachteil des
Unternehmens.
- die Akteure bedienen sich der Sprache als Tatwerkzeug
Beim Delikttyp "öffentliche Verleumdung/Bedrohung"
sind die
Täter mit auffallender Häufigkeit im Bereich der "Innentäter"
(Mitarbeiter) zu suchen. Angriffe erfolgen häufig nach einem
Karriereknick. "Ehemalige" und "Externe"
sind im Vergleich dazu eher selten als Täter ausgemacht
worden. Insgesamt schätzt der Verband die Zahl dieser Delikte
derzeit auf jährlich 2000 bis 2500.
Auch bei den aktuellen "Trittbrettfahrern" handelt
es sich, soweit sie Unternehmen angreifen, nach bisherigen
LVD -Erkenntnissen keinesfalls um eine neue Species, sondern
lediglich um die üblichen, vorwiegend internen Täter, die
sich durch unsere Sicherheitslage zu "Streichen"
oder zu lang geplanten Racheakten animiert fühlen.
Auch beim Delikttyp "Erpressung" überwiegen deutlich
die internen Täter. Die Fälle haben sich bis zum Ende der
90er Jahre verfünffacht. Während in den Achtzigern der zweithäufigste
Tätertyp der "Außentäter" war, nahmen 1990-94
Erpressungen durch ehemalige Mitarbeiter deutlich zu. Ein
Sonderfall ist wohl die Produkterpressung: Bei den auswertbaren
Fällen waren die Täter ausschließlich Externe. In der Lebensmittel-,
Getränke- und Genussmittelindustrie und im Handel ist Erpressung
nach wie vor häufig. Bei den großen Ladenketten gingen von
1995 bis 1999 jährlich geschätzt 140 bis 160 Erpressungsschreiben
ein. Allerdings erscheinen die neuesten Zahlen leicht rückläufig.
Beim klassischen "Anonymen Business-Mobbing"
(ABM) enthalten die anonymen Angriffe in Wort und Schrift
auf einzelne Mitarbeiter im wesentlichen:
- Drohungen (zum Beispiel Androhung körperlicher Gewalt)
- Beleidigungen (zum Beispiel mit obszönen Schimpfworten)
- Lächerlichmachungen (zum Beispiel durch Witze unterhalb
der Gürtellinie oder durch Thematisierung aller nur denkbaren
vorhandenen oder vermeintlichen Schwächen)
- Kritik von Arbeitsleistung und/oder Privatleben
Für diesen Delikttyp hat der LVD im Bereich der Innentäter
auch die Verteilung zwischen den Geschlechtern erhoben und
herausgefunden, dass im gesamten Untersuchungszeitraum der
Anteil an weiblichen Mobbern im Unternehmen mit geringen
Schwankungen im Schnitt um ca. 10% höher lag als der an
männlichen. Auch bei der internen Beleidigung / Verleumdung
/ Bedrohung überwogen die weiblichen Täter. Die Gesamtzahl
der ABM-Angriffe für die letzte halbe Dekade (95-99) schätzt
der LVD auf das Zwanzigfache, mithin auf bundesweit deutlich
über 5.000 (also mindestens 1000 Fälle pro Jahr).
Angriffe nach Branchen
Dass das obige Beispiel (Kasten) aus dem Finanzbereich
stammt, ist kein Zufall: Die Branche ist eindeutig Spitzenreiter
bei der Zahl der "Angriffe aufs Unternehmen in Wort
und Schrift". Der Trend ist eindeutig: Die Angriffe
nehmen zu und das Ranking unter den Branchen bleibt weitgehend
gleich. Gefolgt werden die Finanzdienstleister von der Pharmaindustrie,
dem Maschinen -und Gerätebau und der Automobil-Branche.
Die Lebensmittelbranche hat seit 1995 etwas "aufgeholt".
Risiko Mitarbeiter
Wer sind nun die häufigsten Angreifer auf Unternehmen?
Auch hier ist unser Beispiel aufschlussreich: Meist sind
es "Innentäter", aktuelle Mitarbeiter. Sie sind
im gesamten Untersuchungszeitraum mit großem Abstand die
Spitzenreiter. Es folgen weit abgeschlagen die "Ehemaligen",
wobei hier derzeit ein leichter Rückgang zu verzeichnen
ist. Externe Angriffe auf Unternehmen sind eher selten:
1995-99 viermal weniger als Innentäterangriffe.
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