Lügendetektion, Bewerber und Mitarbeiter-Check
(Detektiv-Kurier 01/2001)
Von Raimund H. Drommel
Institut für Angewandte Kommunikationswissenschaften
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Beispiel „DAUM-AFFÄRE“
Christoph Daum zu den gegen ihn erhobenen Drogenvorwürfen:
„Nichts schmerzt dich mehr als das Mitleid deiner Feinde.“
(von Christoph Daums Individualprogramm potentiell generierbarer
Satz)
- „Drogen waren, sind und werden nie ein Thema für mich
sein 12 . “ (WAHR)
- „Drogen sind für mich ein Tabu-Thema
13 .“ (WAHR)
- „Ich werde den Nachweis meiner Unschuld erbringen. (...)
Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe
14 . (...)“ (UNWAHR) (Selbst-Täuschung)
Christoph Daum, NLP-Kenner, wählt zunächst bewusst oder
unbewusst, das ist hier sekundär, eine Formulierung, die
er echt und stimmig vertreten zu können glaubt (1).
Dieser Satz ist in vieler Hinsicht bemerkenswert. Christoph
Daum will eine sog. kognitive Dissonanz vermeiden. Kognitionen
sind Gedanken, Ideen, innere Dialoge – all das, was der
Mensch innerhalb seines Kopfes zu tun vermag. Und Dissonanz
bedeutet Unstimmigkeit. Wenn ein Mensch im Sinne von Harald
Weinrichs linguistischer Definition widersprüchliche Gedanken
hat, befindet er sich im Zustand der kognitiven Dissonanz.
Solche inneren Widersprüche können nicht nur das Selbstbild
und das eigene Wohlbefinden erheblich beeinträchtigen, sie
sind auch von geübten Kalibrieren auditiv und/oder visuell
leicht zu erkennen. Um dieser Tendenz Einhalt zu gebieten,
versucht bereits sein Unbewusstes, die kognitive Dissonanz
zu reduzieren. Dabei werden einzelne Gedanken sprachlich
so umgewandelt, dass die Widersprüche im Denken zumindest
verringert werden.
Welche Strategie setzt Herr Daum zur kognitiven Dissonanz-Reduktion
15 ein?
Ein Thema ist ein Gegenstand, z.B. einer Rede oder eines
Dialogs, ein Leitmuster oder ein Grundgedanke. „Kein Thema!“
– was heißt das in unserer Umgangssprache? – Etwas, worüber
man nicht spricht, weil es für einen selbstverständlich
ist, nicht darüber zu diskutieren oder zu verhandeln. „Kann
ich mal kurz dein Auto haben?“ – „Kein Thema.“ „Bekomme
ich das Doppelzimmer zum alten Preis?“ – „Kein Thema.“ Also:
Ich, der Gefrage, lehne es ab, überhaupt über diesen von
einem anderen „thematisierten“ Gesprächsinhalt zu sprechen,
weil das Gefragte selbstverständlich ist oder zu trivial
und somit für mich nicht wert, ein Gesprächsgegenstand zu
sein.
Warum sagte der Interviewte nicht: „Ich habe nie Drogen
eingenommen, nehme keine Drogen ein und werde nie Drogen
einnehmen“? Die Antwort lautet: Wegen seines Bemühens um
Dissonanz-Reduktion. Die gespreizte Zeitorientierung (Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft) ist zudem ein rhetorisches Mittel
der Emphase und dient im Endeffekt der Verschleierung. Also
sagt Daum die Wahrheit mit dem, was er sagte. Beachten Sie
also bitte den Wortlaut.
Fünf Tage später formuliert er Satz (2). Auch hier – und
erst recht im Vergleich zum Vorgänger-Zitat (1) – ist die
Formulierung verräterisch: Wieder kommt uns Daum mit dem
„Thema“. Können Drogen für jemanden, der Drogen konsumiert,
„ein Tabu-Thema“ sein. Aber klar doch! Er sagt ja nicht:
„Ich nehme keine Drogen.“ Im Gegenteil: „Das Sprechen über
Drogen ist für mich tabu“. Ein Tabu ist ein (ursprünglich)
religiös bestimmtes Verbot oder Meidungsgebot. Also hätte
der Satz zu unserer Beruhigung lauten müssen: „Drogen sind
für mich (ein) Tabu.“ Das aber sagt er gerade nicht. Also
lügt er auch nicht. Da braucht es nicht einmal einen im
allgemeinen erforderlichen weiteren Kontext.
Es ist schon interessant: In der Regel lügen Menschen eher
in Spontan-Situationen, weniger in vorbereiteten Reden.
Bei Daum ist es gerade umgekehrt. Natürlich kann er aus
unserer Sicht kein reines Gewissen, aber der vermutlich
von ihm initiierte Haar-Pre-Test in Holland (mit dem negativen)
Ergebnis lassen in Verbindung mit einem wahrscheinlichen
Realitätsverlust keinen Raum für die Negation dieser Aussage
(„Ich habe kein absolut reines Gewissen“) in seinem Bewusstsein
zu. Selbsttäuschung wie bei Clinton. Allerdings mit einer
anderen Konditionierung.
Uli Hoeneß zu dem Zeitpunkt seiner Kenntniserlangung von
den Daum-Drogen-Gerüchten:
- „Ich kenne diese Gerüchte so konkret erst seit dem Artikel
in der FAZ 16 . (WAHR)
Frage: „Uli Hoeness, Sie haben das mehrfach betont, als
Christoph Daum zum Bundestrainer berufen wurde, das war
im Juli, da haben Sie noch nicht davon gewusst, dass es
Gerüchte um Drogen bei Christoph Daum gibt. – Können Sie
sich vorstellen, dass Ihnen das wenig Leute glauben?“
- „Das kann ich mir vorstellen, aber es ist
so. Ich habe, ich gebe auf Gerüchte nichts. Aber im September,
Oktober, als die Dinge schwarz auf weiß in den Zeitungen
standen, da habe ich reagiert und da musste ich reagieren
– für meinen Charakter. Und das hatte nichts damit zu
tun, was da im Juli oder vor 10 Jahren irgendwelche Leute
rumgewabert haben. Das hören wir jeden Tag in dem Geschäft.
Aber am 2. Oktober hat das eine Zeitung geschrieben, und
ich habe gesagt, wenn das stimmt, kann er nicht Bundestrainer
werden, und dazu stehe ich heute noch
17 .“ (WAHR)
Die einschränkende Formulierung so konkret ist ganz hervorragend,
räumt er doch mit ihr ein, dass er die Gerüchte als solche
schon seit langem kennt. Am 4.11.2000 bestätigt er genau
dies, siehe (2). Die linguistische Analyse ergibt für beide
Statements die Wahrheit.
Gerhard Mayer-Vorfelder zu dem Zeitpunkt seiner Kenntniserlangung
von den Daum-Drogen-Gerüchten:
Frage: „Bleiben Sie dabei, dass Sie keine Ahnung hatten,
wie es um Christoph Daum steht?“
„Ich sage es noch ein Mal: Ich habe nichts gewusst.
Ich wurde mit den Gerüchten erst konfrontiert, als Uli Hoeneß
durch sein Interview die Lawine losgetreten hat
18 .“ (keine Bewertung, da Zitat nur in Schriftform
vorhanden)
Nach Weinrich (Linguistik der Lüge) hätte Mayer-Vorfelder
(MV), um zu lügen, in seinem Bewusstsein folgende Äußerung
präsent haben müssen:
„Ja, ich habe etwas gemerkt. Ich wurde mit den Gerichten
nicht erst konfrontiert, als Uli Hoeneß durch sein Interview
die Lawine losgetreten hat.“
Da mir von diesem im Kicker veröffentlichten Interview
weder die Stimme noch eine Videoaufzeichnung MVs vorliegt,
vermag ich bei diesem Zitat die Wahrheitsfrage nicht zu
beantworten. Ohne Video kein visuelles Kalibrieren. – Was
versteht man darunter?
12 Interview am 3. 10. 2000
Sport BILD.
13 Interview am 8. 10. 2000 Sport BILD.
14 Aus der vorbereiteten und wörtlich abgelesenen
Presseerklärung am 9. 10. 2000.
15 Verminderung widersprüchlicher Gedanken.
16 Interview am 10. 10. 2000.
17 Interview am 4. 11. 2000.
18 Interview, veröffentlicht am 26. 10. 2000.
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