Lügendetektion, Bewerber und Mitarbeiter-Check
(Detektiv-Kurier 01/2001)
Von Raimund H. Drommel
Institut für Angewandte Kommunikationswissenschaften
Download: Bewerbercheck.pdf
II. „True lies“ – Lügendetektion durch Sprach-
und Stimmanalyse
Kölner Stimm-Stress-Projekt
|
|
Im Dezember 1974 stellen Prof. Udo Undeutsch (Psychologisches
Institut I) und Prof. Georg Heike (Institut für Phonetik)
erstmals bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft
einen Antrag auf Sachbeihilfe zu dem Forschungsprojekt
„Untersuchungen zur Manifestation psychischer Belastung
(Stress) im akustisch-phonetischen Signal“.
Die bioakustische Hypothese lautet: Der menschliche
Körper weist im psychisch und physisch unbelasteten
Zustand physiologischerweise in allen seinen Teilen
ständig Mikrovibrationen seiner Muskulatur auf, deren
Frequenz ungefähr zwischen 7 und 14 Hz und deren Amplitude
beim Erwachsenen während äußerster Entspannung bei
Werten zwischen 1 und 5 Mikron liegt. Außerdem ist
bekannt, dass sich Amplitude und Frequenz diese Mikrokontraktionen
unter psychischer (und physischer)
|
Belastung z.T. erheblich verändern. Es ist anzunehmen,
dass die die Phonations- und Artikulationsprozesse
betreffende Muskulatur hierbei keinesfalls eine Ausnahme
darstellt.
Es ist also zu erwarten, dass sich der „physiologische
Tremor*)“ im Sprachsignal nachweisen lässt. Weiterhin
wird erwartet, dass sich ebenfalls die durch psychische
Belastung ausgelösten Veränderungen der physikalischen
Kennwerte der Mikrovibrationen nachweisen lassen.
Obwohl unter ähnlicher Hypothesenstellung bereits
apparative akustisch arbeitende Stress-Indikatoren
vertrieben werden, bietet die Grundlagenforschung
der akustischen Phonetik kaum Hinweise, ob und wie
sich „physiologischer Tremor“ und seine Modifikation
durch psychische Belastung im Sprachsignal manifestieren.
*) Krankhaftes Zittern, Vibrieren.
|

Lügendetektoren sind aktueller denn je. Zum einen wird
der klassische Lügendetektor (Polygraph), vor allem durch
das Engagement von Udo Undeutsch, auch in Deutschland zunächst
in Zivilverfahren und nunmehr auch in Strafprozessen zunehmend
eingesetzt. Zum anderen sind neben dem inzwischen ausgereiften
und bewährten Polygraphen die modernen Stimmstress-Analysen
weltweit erheblich verfeinert worden.
Eines dieser automatischen Stimmprogramme heißt TrusterPro
und wurde von dem israelischen Programmierer Amir Liberman
entwickelt. Diese akustischen Programme und auch integrative
Lügen-Detektions-Pakete haben gegenüber dem Polygraphen
einen gewaltigen Vorteil: Eine körperliche Präsenz der Ziel-
oder Testperson ist nicht erforderlich. Sehr zur Freude
von Geheimdiensten wie Mossad oder CIA, die in rechtlichen
Grauzonen operieren. Wie aber können Detektive dieses Know-how
erfolgreich nutzen?
„And the lyer is ...“ – Wer lügt am besten?
- Uwe Barschel zum „Waterkantgate“
„(...) gebe ich Ihnen, gebe ich den Bürgerinnen und Bürgern
des Landes Schleswig-Holstein und der gesamten deutschen
Bevölkerung mein Ehrenwort, ich wiederhole: Ich gebe Ihnen
mein Ehrenwort, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe
haltlos sind!“
Ich übernehme die politische Verantwortung ... (obwohl
die Dinge) ... ohne mein Mitwirken und auch ohne mein
Mitwissen geschehen sind“.
(UNWAHR)
- Jürgen W. Möllemann zur Verfasserschaft
der Chip-Empfehlungsschreiben „Die Angelegenheit ist aufgeklärt.
Der Brief ist nicht von mir selbst verfasst worden, sondern
von einem Mitarbeiter, der einen Bogen mit einer Blanko-Unterschrift
von mir verwendet hat.“
(UNWAHR)
- Wolfgang Schäuble zur Schreiber-Spende
„Das muss in Ordnung gebracht werden. Ich habe damit überhaupt
nichts zu tun. Ich bin lediglich in der Öffentlichkeit
derjenige, der den Kopf dafür hinhalten muss. Ich habe
mich im Zusammenhang mit dieser Spende zu hundert Prozent
korrekt verhalten.“
(WAHR)
- Bill Clinton zum Sex mit Monica
– die Selbst-Täuschung „I did not have sexual relations
with that woman, Miss Lewinsky.“
(UNWAHR)
Auf die Vorhaltung, bei Clintons Aussage, er habe mit dieser
Frau (Lewinsky) „keinen Sex“ gehabt, habe sein Programm
angeblich versagt, antwortete Liberman: „Aus Clintons Sicht
war das keine Lüge, weil er zuvor diese merkwürdige Vorstellung
von Sex verinnerlicht hatte. Also dass Oralsex kein Sex
sei. Deshalb konnte er auch keine Gefühle entwickeln, die
auf eine eindeutige Falschaussage schließen lassen. Das
ist ein häufiges Problem mit Politikerstatements und vorbereiteten
Reden 2 .“
2 Süddeutsche Zeitung, Magazin,
23. 6.2000, S. 20.
Linguistik der Lüge
Damit sind wir, neben der ohnehin stets involvierten Psychologie,
folgerichtig auf eine Disziplin verwiesen, die sich wissenschaftlich
mit der Semantik 3 und
mit den Textsorten befasst, auf die Linguistik
4 nämlich. – Warum dann nicht gleich eine
sprachsystematische Analyse der automatischen Stimmanalyse
an die Seite geben?
Denn: „Man lügt nicht nur mit Hilfe der Sprache, man
denkt auch das Wahre mit Hilfe der Sprache. Beides geschieht
durch Sätze. Sätze aber bestehen aus Wörtern, deren Bedeutungen
sich gegenseitig zu Meinungen determinieren und auf diese
Weise einen Sinn bilden. Sätze gehorchen den Grundgesetzen
der Semantik und Syntax 5 .
Sätze gehören in die Zuständigkeit der Linguistik
6 .“
Nach wie vor gilt grundsätzlich auch Harald Weinrichs linguistische
Definition der Lüge:
„Die Linguistik sieht (...) eine Lüge als gegeben an,
wenn hinter dem (gesagten) Lügensatz ein (ungesagter) Wahrheitssatz
steht, der von jenem kontradiktorisch, d.h. um das Assertionsmorphem
7 ja/nein abweicht 8 .“
Die Lüge hat also immer einen Kontext
9 , einen realisierten und einen gedachten.
Woher aber wissen wir, ob bei einer Zielperson (ZP) hinter
dem (gesagten) Lügensatz ein (ungesagter) Wahrheitssatz
steht? Durch die Analyse des Individuellen Kommunikations-Profils:
Sämtliche verfügbaren Sprachproduktionen der ZP können mit
PC-Unterstützung durchforstet werden.
Daraufhin lässt sich ein Individualprofil erstellen.
3 Semantik = Lehre von der
Bedeutung von Worten und sprachlichen Zeichen.
4 Sprachwissenschaft.
5 Syntax = Satzlehre.
6 Harald Weinrich: Linguistik der Lüge, Heidelberg
1966, S. 40.
7 Bejahungs-/Verneinungs-Wort.
8 Ebenda.
9 Kontext = Zusammenhang.
|