Cyberstalking: Pfusch am Bau
Bonus-Kapitel zum Buch "Der Code des Bösen"
(exklusiv auf diesen Webseiten)
Mitte 2010 bekam ich den folgenden Fall auf den Tisch.
Fritz Kling, ein Bauunternehmer aus dem Rhein-Main-Gebiet,
hatte seinen Zwei-Mann-Betrieb für Ausbesserungsarbeiten
zu einer Firmengröße ausgebaut, mit der er ganze
Gewerke von Großaufträgen übernehmen konnte.
Doch je größer die Aufträge wurden, umso
mangelhafter fiel die Qualität aus, die er mit seiner
ständig wechselnden Mannschaft ablieferte. Die Mängelrügen
häuften sich.
Wegen zahlreicher Schadensersatzforderungen kam es wiederholt
zu gerichtlichen Auseinandersetzungen. Im Laufe der Zeit
konnte Kling die verfügten Zahlungen nicht mehr leisten,
weil infolge des ruinierten Rufs die Aufträge ausblieben.
Kling musste mit seinem Betrieb Insolvenz anmelden und kurzfristig
alle seine Angestellten und Mitarbeiter entlassen.
Nur einen nicht. Den machte Kling kurzerhand zum Kompagnon
und meldete unter dessen Namen ein neues Unternehmen an:
ISO-Bau. Das klang vertrauenerweckend, schien es doch, als
würden die Aufträge nach den Richtlinien der ISO-Norm
erfüllt werden.
Wenige Wochen nach der Neugründung von ISO-Bau tauchte
eine Website im Internet auf, die all die kleinen Betrügereien
und auch einige großen Schwindelgeschäfte von
Fritz Kling aufdeckte. Der Verfasser warnte ausdrücklich
davor, Aufträge an die ISO-Bau zu vergeben.
Fritz Kling schäumte vor Wut!
Er setzte sich mit mir in Verbindung und beauftragte mich,
den Urheber dieser Beschuldigungen zu identifizieren. Trotz
eines schlechten Bauchgefühls nahm ich den Auftrag
für dieses Gutachten an. Kling hatte auch schon einen
Verdacht, wer dahinter stecken könnte: Herbert M. Rechler,
ein Statiker, der bei Kling in der Vergangenheit gelegentlich
als Bauleiter fungiert hatte. Ein notorischer Querulant
und Nichtskönner! Wenn ich so gebaut hätte, wie
der das berechnet hatte, dann wäre mehr als einmal
alles zusammengefallen, sobald wir das Gerüst abmontiert
hätten! So beschrieb Unternehmer Kling den Mann.
Mit Rechler hatte es bei der Auflösung von Klings vorheriger
Firma heftige Auseinandersetzungen gegeben, weil Kling dem
Statiker noch eine Restzahlung im fünfstelligen Eurobereich
schuldete.
Also begann ich zu recherchieren. Die Seite, auf der die
Beschuldigungen veröffentlicht wurden, hieß derbaufuchs.de*.
Der Provider der Seite hatte seinen Sitz in der Türkei,
die IP-Adresse desjenigen, der die Texte eingestellt hatte,
war unbekannt. Auf diesem Weg kam ich also nicht weiter.
Es blieb die Analyse der Texte.
Beinahe täglich wurden neue Anschuldigungen auf derbaufuchs.de*
eingestellt. Diese konnte ich einfach kopieren und in meine
Software einspeisen. So ersparte ich mir das mühselige
Abtippen. Zum Vergleich brauchte ich natürlich auch
noch ausreichend Texte von Rechler. Die stellte mir Kling
zur Verfügung. Auch sie lagen zum Glück überwiegend
in digitalisierter Form vor. Die Basis für ein umfassendes
und gut fundiertes Gutachten war also gegeben.
Bevor ich die Texte von meinen verschiedenen Analyseprogrammen
untersuchen ließ, las ich sie einzeln und mit großer
Konzentration. Je mehr ich mich in die Beiträge auf
derbaufuchs.de* vertiefte, umso größer
wurden meine Zweifel: War ihr Verfasser wirklich ein böswilliger
Verleumder?
Dieser Baufuchs listete über viele Zeilen minutiös
Mängel auf, die Klings vorherige Firma von Anfang an
und ganz bewusst eingeplant hatte mit dem einen Ziel:
möglichst viel Gewinn zu machen.
So befand der Baufuchs:
Der Fehler ist umso seltsamer, als dass es mit
logischem Verständnis einfach nicht möglich ist,
240 m² Wohnfläche über 3 Etagen in ein Haus
von 9,5 x 8,5 zu drücken.
Da konnte ich ihm nur zustimmen.
Zeile um Zeile, Absatz um Absatz wurde unter genauer Angabe
des jeweiligen Bauvorhabens Pfusch in allem nachgewiesen,
was am Bau verpfuscht werden konnte.
Dumm nur, dass wir angeblich falsch gestellt
haben und ein paar Steine wieder abbauen mussten. Natürlich
hatten wir den Fehler gemacht. Daran ist nicht zu rütteln.
In einem Fall hatte ein Keller gegen Sickerwasser isoliert
werden müssen:
Gegen nichtdrückendes Wasser wurde auf
geriffelte Steine eine Folie nach DIN 18195 ohne Glattstrich
des Mauerwerks eingebaut. Falten sind sichtbar.
Der Baufuchs musste mehrfach mit Kling persönlich
wegen grober Planungsfehler aneinander geraten sein:
(...) weil das Fenster (bzw. der Rolladen natürlich)
zu niedrig ist und ich, wenn ich im OG stehe, direkt in
den Rolladen reinsehe. Somit muss das so gebaut werden,
wie in unserem Grundriss und den Ansichten gezeichnet
der Rolladen also in den Sturz rein, so dass die Fenster
da anfangen wo diese geplant waren. Dafür müssen
die Fenster natürlich die entsprechende Grösse
haben.
Ich las jeden Text mit wachsendem Interesse unter
anderem weil ich selbst als Bauherr einigen Ärger mit
einem Bauunternehmen gehabt hatte. Deshalb fielen mir Passagen
wie die folgende besonders auf:
Sobald die Sache vor Gericht geht würde
ich natürlich voll durchziehen und den Austausch ALLER
Fenster verlangen.
Die Enthüllungen steuerten allesamt auf eines zu,
was den Baufuchs ganz offensichtlich am meisten und nachhaltigsten
in Wut versetzte:
Kling meinte, dass das natürlich die schlechteste
Möglichkeit von allen ist, da dies Jahre dauert und
man nie weiss ob die Bauherren jemals Geld sehen würden.
Ich meinte daraufhin, dass ich das nicht so kritisch sehe
und die Bauherren schon vom Richter Recht bekomme werden.
Kling meinte darauf nur, man wisse nie, wie lange man von
einer GmbH Geld bekommen kann.
Als ich ihn fragte ob er damit auf eine Insolvenz anspielt
sagte er, dass im heutigen Geschäftsalltag alles möglich
sei. Was sind denn das für Spielchen ?
Der empörte Baufuchs schloss seine Ausführungen:
Der deutsche Rechtsstaat macht dies recht einfach
möglich einfach eine GmbH in die Insolvenz schicken
und eine neue Aufmachen und das auch noch ganz legal
Dies machte mir klar, dass es sich bei dem Baufuchs nicht
um einen rachsüchtigen Lügner handelte. Im Gegenteil:
Er veröffentlichte die Wahrheit über die Vorgehensweise
von Kling.
Allerdings tat er dies in einer Weise, die natürlich
nicht gutzuheißen war. Er erinnerte mich an Michael
Kohlhaas: Dieser startete in der gleichnamigen Novelle von
Heinrich von Kleist einen privaten Rachefeldzug aufgrund
eines erlittenen Unrechts. Aber Selbstjustiz so verständlich
sie manchmal scheinen mag ist immer der schlechteste
Weg.
Eine Auswertung der umfangreichen Textbestände ergab,
dass es sich bei dem Baufuchs nur um den Statiker Herbert
M. Rechler handeln konnte. Alle Analyseergebnisse wiesen
mit großer Eindeutigkeit darauf hin. Ich stellte mein
Gutachten fertig.
Herbert Rechler wurde abgemahnt und musste die Website
derbaufuchs.de* aus dem Netz nehmen. Im Herbst 2010
ging Fritz Kling mit seiner Firma ISO-Bau insolvent. Mein
noch ausstehendes Resthonorar konnte ich abschreiben. Eine
typische Lose-Lose-Situation. Aber aus Niederlagen lernt
man am meisten. Seitdem nehme ich keine Aufträge mehr
gegen mein Bauchgefühl an.
*Bei der Domain derbaufuchs.de handelt
es sich um einen rein fiktiven Namen. Ähnlichkeiten
mit tatsächlichen Firmennamen sind rein zufällig
und unbeabsichtigt
|