Drohanrufe kommen immer zur falschen Zeit. Und
sie treffen fast immer auf die Schwachstelle Mensch, auf
unvorbereitete Gesprächspartner. Um so wichtiger sind präventive
Konzepte. Eine wesentliche Komponente solcher Konzepte bildet
eine zielorientierte Gesprächsführung mit dem meist anonymen
Angreifer.
Von Raimund H. Drommel, Forst/Sieg
Die Fortschritte beim Sicherheitsmanagement und beim technischen
und kriminaltechnischen Umgang mit Anonymanrufen (Rückverfolgung,
Aufzeichnung, Sprecheranalyse) sind erheblich. Als Schwachpunkt
erweist sich in der Praxis oft die Gesprächsführung und
Verhandlung mit dem Angreifer. Es wird damit die Chance
vergeben, Informationen zu erlangen, die helfen, die Ernsthaftigkeit
von Drohanrufen zu bewerten, Täter zu identifizieren oder
Schadenswahrscheinlichkeit und - höhe zu senken.
Hauptziele der angegriffenen Unternehmen sind stets und
in dieser Reihenfolge die Schadensminimierung und die Täteridentifizierung.
In diesem Sinne beruht eine wirksame Kommunikation mit einem
anonymen Anrufer, der bedroht und/oder erpresst, zunächst
darauf, dass der Angerufene den Standpunkt des anonymen
Angreifers versteht, das Gespräch aus dessen Sicht sieht
- selbst wenn es ganz und gar nicht die eigene Sicht ist.
Eine wirksame Kommunikation mit dem Angreifer bedarf der
angemessenen Gesprächstechniken in den jeweiligen Gesprächsphasen.
Dabei sollte der anonym angerufene Entscheidungsträger dem
Angreifer grundsätzlich kommunikativ überlegen sein, auch
um das Überraschungsmoment zu kompensieren. Ein interner
Knowhow-Transfer aus dem Marketing oder Außendienst-/Verkaufs-Bereich
ist zu empfehlen.
Gesprächstechniken
Das dreistufige Gesprächsführungsideal der NLP (Neuro-linguistische
Programmierung) von MATCHEN (den Draht oder Wellenlänge
zum Angreifer finden), PACEN (dem Angreifer in seinem Rhythmus
begleiten) und LEADEN (den Angreifer führen) wird bei Drohanrufen
nur in seltenen Fällen erreicht werden. Doch auch wenn es
meist nicht gelingt, den Angreifer zu führen, können die
ersten beiden Stufen mit Blick auf die Ziele (s. Kasten)
durchaus erfolgreich durchlaufen werden. Die wichtigsten
Techniken:
- Aufmerksames Zuhören, um zu erfahren, welche Dinge für
den Angreifer wichtig sind und welche Ziele er verfolgt.
- Zur Verständnissicherung ist jede wesentliche Information
durch Satzfragen nachzuprüfen, das bedeutet, die Information
in eigenen Worten zu wiederholen und den Angreifer zu
fragen, ob die Wiedergabe der Information so richtig war.
(Vorsicht: nicht überdosieren!)
- Offene Fragetechniken mit WFragen (Fragewort-Fragen),
um ein genaueres Bild von den Zielen und von der Situation
des Angreifers zu bekommen, insbesondere welche Forderungen
erfüllt werden sollen
- Zusammenfassungen, die auf einfache und folgerichtige
Weise beschreiben, durch welches eigene Verhalten die
Ziele des Angreifers verwirklichen werden können.
- Eine wirksame Kommunikation mit dem Täter bedeutet ebenfalls,
durch die Sprache und Sprechform den Kontakt mit dem Angreifer
während des gesamten Drohanrufs aufrecht zu erhalten (Kontakterhaltung).
Dies geht am besten, wenn die Kommunikation auf einer
"Wellenlänge" beruht. Zumindest sollte ein zu
großer kommunikativer Abstand vermieden werden. Ein Beispiel:
Sprechen Sie nicht besonders langsam, ruhig oder locker,
wenn der Anrufer schnell, unruhig oder angespannt spricht.
Sprechen Sie nicht leise, wenn er brüllt. Wählen Sie keine
gepflegte Hochsprache oder Fremdwörter, wenn er Umgangssprache
spricht, etc.
Geübte Kommunikatoren und erfahrene Verhandlungsführer
sind in der Lage, durch ständige, leichte Unterschreitung
des Angreifer-Pegels (Sprechgeschwindigkeit, Lautstärke,
Umgangssprache), verbale Härte usw. eine kommunikative Deeskalation
zu erreichen. Die Kontakterhaltung ist eine Gratwanderung:
Zu große Nähe, etwa durch "papageienhaftes" Nachsprechen
der Äußerungen des Angreifers, zerstört das Gespräch oder
steigert die Angreifer-Aggressivität ebenso, wie wenn Inhalt
und Form zu weit vom Angreifer entfernt sind. Zu bedenken
ist, dass die Instrumente der Face-to-face-Kommunikation
(Körperhaltung, Gestik, Mimik) nicht zur Verfügung stehen
und dass Sprache und Stimme zunächst die einzigen Werkzeuge
zur Schadensminimierung sind.
Gesprächsphasen
"Struktur schlägt Chaos", dieser Satz gilt auch
für Drohgespräche. Erfahrungsgemäß verlaufen diese in folgenden
Phasen:
Phase 1 (Kontaktphase): Durch Sprachinhalt und
Sprachform ist Kontakt zum Angreifer herzustellen. Dabei
ist die Bereitschaft zu signalisieren, Ziele und Situation
des Angreifers "kooperativ" mit ihm zu besprechen.
Hier können auch "Ich-Botschaften" sinnvoll sein:
"Ich bin natürlich völlig überrascht, erschrocken oder
geschockt." Geeignete Gesprächstechniken sind: Konzentriertes
Zuhören; Spiegeln; Matchen; Pacen; Ich-Botschaften
Phase 2 (Verstehensphase): Ziele und Situation
des Angreifers sollen erkannt werden. Der Angegriffene macht
deutlich, dass er die Ziele und die Situation des Angreifers
verstanden hat. Bei diffusen Anrufern sind Ziele und Situation
selbst erfragen ("Was erwarten Sie von mir?",
"Was muss geschehen, damit Sie Ihre Drohung nicht ausführen?").
Geeignete Gesprächstechniken sind: Konzentriertes Zuhören;
Spiegeln; offene Fragetechnik; Spiegeln.
Phase 3 (Zustimmungsphase): Zu vermitteln ist, dass
Ziele und Situation des Angreifers ernst genommen werden,
dass der Angreifer durch seinen Anruf und durch sein angedrohtes
Verhalten tatsächlich seine Ziele erreichen kann und wird.
Geeignete Gesprächstechniken sind: Zustimmende Sprechakte;
geschlossene Fragetechnik; zustimmende Sprechakte.
Phase 4 (Entscheidungsphase): Der Angegriffene erklärt
seine Bereitschaft, im Rahmen seiner Möglichkeiten auf die
Forderungen einzugehen. Geeignete Gesprächstechniken sind:
Zusichernde Sprechakte; geschlossene Fragetechnik; zusichernde
Sprechakte.
Phase 5 (Zusammenfassung): Im Idealfall hat der
Angegriffene durch Matchen, Pacen, Leaden die Gesprächsführung
übernommen und kann die Übereinkünfte selbst zusammenfassen.
Geeignete Gesprächstechniken sind: Resümieren; das Wesentliche
Fokussieren
Phase 6 (Kontaktphase): Falls der Angegriffene eine
Zusammenfassung formulieren konnte, hat er auch die Chance,
den Kontakt zum Angreifer abschließend noch einmal zu bestärken.
Das kann ? je nach Situation ? auch durch eine Ausdrücken
einer gewissen Art von Verständnis für dessen Handlungsweise
geschehen. Geeignete Gesprächstechniken sind: Ich-Botschaften;
Pacen.
Wichtige Nebenbedingungen, um die Gesprächsziele zu erreichen,
sind:
- Jede Phase des Drohgespräches setzt einen "erfolgreichen"
Abschluss der vorangehenden Phase voraus. Das bedeutet,
dass zur nächsten Phase erst dann übergewechselt werden
sollte, wenn in der aktuellen Gesprächsphase eine "Einigung"
(Zustimmung geben, Zustimmung erhalten) erzielt wurde.
- Jede Phase des Drohgespräches verlangt ihre eigene Kommunikationstechnik.
Grobe Fehler wären etwa geschlossene Fragen in Phase 2
oder offene Fragen in Phase 4.
Jeder Angreifer ist einzig, somit ist auch jeder Drohanrufer
anders als ein anderer; und spezifisch zu behandeln. Das
Spektrum reicht vom gefährlichsten gewaltbereiten Täter
über den von seinem Gewissen geplagten Mitwisser bis hin
zum harmlosen Scherzbold. Viele interessante Erkenntnisse
hierzu liefert unsere a.c.t-Typologie der Language And Behaviour
(= LAB) Profile anonymer Drohanrufer in Anlehnung an Rodger
Bailey sowie Bodenhamer & Hall: prozentuale Verteilung
der Sprach- und Verhaltensmuster von Drohanrufern.
Gleichwohl erschien es nach Auswertung von insgesamt über
100 Fällen sinnvoll, einmal die wichtigsten Kommunikationsstandards
mit Fokus auf dem erstgenannten Typus (worst case) ganz
kurz zu skizzieren.
Literaturhinweise:
Jörg H. Trauboth: Krisenmanagement bei Unternehmensbedrohungen,
Richard Boorberg Verlag September 2002
Thomas Rückerl: NLP in Stichworten, Paderborn 1994
Bob G. Bodenhamer/L. Michael Hall: Figuring Out People,
Bancyfelin etc. 1997 (zu den LAB -Profilen)
Falsche Glaubenssätze - verbreitete Fehlannahmen
- Auf Drohanrufe kann man sich nicht vorbereiten
- Bei Drohanrufen hat man allgemein nur wenig
Handlungsspielraum
- Es ist bedingungslos auf alle Forderungen einzugehen
- Man muss um jeden Preis so viel Information
wie möglich aus dem Anrufer herausholen
- Man soll immer ganz ruhig und langsam sprechen
- Es gibt ein Patentrezept für den Umgang mit
Drohanrufern
Was kann in der Kommunikation mit dem Angreifer
erreicht werden (Gesprächsziele)?
- Herstellen eines bestmögliche Erstkontaktes
zum Angreifer
- Bestmögliche Ersteinschätzung des Anrufers (Profiling)
und der akuten Gefahrenlage durch Erhalten möglichst
vieler Informationen über den Anrufer, sein Motiv
und seine weitere Vorgehensweise: Wer (ruft an?)
- Was (will er tun?) - Wann (will er es tun?)
- Wie (wird er vorgehen?) - Wo (will er handeln
/ ist ein Gegenstand abgelegt?) - Wozu (soll sein
Handeln dienen?)
- Nutzung eines eigenen Optionsmenues gemäß Anrufer-Einschätzung
(ggf. Profil), zum Beispiel Vermeidung von Panikhandlungen
des Angreifers oder Abschreckung des "harmlosen"
Drohanrufers (zur Vermeidung weiterer Störanrufe)
- Identifizierung des Anrufers
Wie können diese Ziele erreicht werden (allgemeine
Gesprächsstandards)?
- Einen geeigneten Gesprächspartner auswählen
(soweit möglich)
- Idealen Gesprächsablauf im Hinterkopf haben
- Gesprächsphasen bewusst durchlaufen, immer kontrollieren
und weitestmöglich gestalten
- Gesprächstechniken, angepasst an die Gesprächsphasen
gezielt einsetzen
- Sich dem Stilniveau und dem Wortschatz des Anrufers
anpassen
Welche Sprechakte sind dabei zu wählen (sprachliches
Handeln)?
- An das Verantwortungsgefühl appellieren
- Gegebenenfalls Steuerungsmöglichkeiten anbieten
- Gegebenenfalls Handlungsspielräume eröffnen
- Klare und realistische Absprachen treffen
- Abschließend einen weiteren Kontakt vereinbaren
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