Kriminalität - 1/2-1/2 mit der Bank
DER SPIEGEL, 42. Jg., Nr. 21/1988 (23.05.1988),
S. 74 - 80
Sprachwissenschaftler entlarven per Computer die Verfasser
von Erpresserbriefen. Das Bundeskriminalamt hinkt der Entwicklung
hinterher.
Du warst der erste vernünftige Typ, und im Bett bist Du
super“, schrieb die Aushilfskellnerin Monika („Moni“) Baumhardt
in einem Brief an ihren Freund Rainer. Doch wichtiger als
Monis Komplimente und „heiße Bussy’s“ war dem Freund ein
Dementi der Geliebten: „Du bist nicht der Vater meiner Tochter,
ich werde das klarstellen.“
Der Text war ein Diktat unter Zwang. Stunden später war
Monika Baumhardt, 22, tot – erstickt in einer über den Kopf
gezogen Plastiktüte. Ein Bauer, der auf einem Feld bei Bonn
mit dem Mähdrescher Getreide erntete, entdeckte ihre Leiche
im August vorigen Jahres auf einem vier Meter hohen Strohhaufen,
daneben vier Kanister Benzin.
Monikas letzte Briefe an Rainer und an ihren Arbeitgeber,
den Kioskinhaber Heinz Kremer, sind die wichtigsten Beweisstücke,
mit denen ein Bonner Schwurgericht den mysteriösen Tod aufklären
will. Auf linguistische Textanalysen per Computer, eine
noch weithin unbekannte Disziplin der Kriminaltechnik, stützt
die Staatsanwaltschaft ihre Anklage wegen „Freiheitsberaubung
mit Todesfolge“ gegen Monikas Chef.
Unter der Last der Analysen und Argumente, die der Kölner
Sprachwissenschaftler Raimund Drommel, 42, nach Lektüre
von Tagebüchern, Liebesbriefen und Kassibern zusammentrug,
legte Kremer ein erstes Geständnis ab. Ex-Liebhaber Rainer,
der zunächst auch unter Tatverdacht stand, geht vermutlich
straffrei aus.
Ihm, dem zeitweilig inhaftierten „herzaller Liebsten“,
hatte das Opfer zärtliche Post in den Knast geschickt und
vom Lauffenlernen der Tochter Jesika berichtet: „Wir haben
ein Wunderkind. Das ist Wahnsinn, was sie schon alles kann.“
Doch das Wörter-Stakkato und die sonderbaren Schreibweisen
(„miese Typen“, „immer nur Pesch“, „Liebkosungen zu geniesen“)
passten überhaupt nicht zu jenen Briefen, die in Monika
Baumhardt Handschrift sowohl an Freund Rainer wie an Arbeitgeber
Kremer gegangen waren. Gutachten Drommel entdeckte eine
Sprachmelodie, die er aus sichergestellten Briefen Kremers
kannte.
Die Post Kremers, die Tagebücher der erstickten Kellnerin
Monika, aber auch Erpresserbriefe an einen Kardinal und
einen Kaufhauskonzern zählen inzwischen zum Lehrmaterial
der Studenten, die sich unter Drommels Leitung an der Siegener
Gesamthochschule auf einen neuen Beruf vorbereiten: „Geprüfter
Textsachverständiger“.
Als vereidigte Gutachter von Industrie- und Handelskammern
(IHK) und als Sprachexperten der Kriminalpolizei wollen
die zwei Dutzend Schriftgelehrten nach ihrem Linguistik-Studium
all jene Schreiber entlarven, die aus der Anonymität Firmen
und Privatpersonen schmähen und schurigeln, beleidigen und
bedrohen. Längst sei es an der Zeit, meint Drommel, einer
„einäugigen Kriminaltechnik“ zu neuer Einsicht zu verhelfen:
„Bei Klebstoff- und Papieranalysen sind die Kriminallisten
auf dem neuesten Stand, in Sachen Sprache dagegen bewegen
sie sich auf dem Niveau der Steinzeit.“
Welche Möglichkeiten die Computer den Linguisten bieten,
demonstriert der Polizeikritiker mit voluminösen Text-Gutachten
für Versicherungskonzerne, Staatsanwälte und Privatdetekteien.
Die Basis sind Balkendiagramme für syntaktische Profile
und Konkordanzausdrucke eines EDV-Rechners, in denen typische
Vokabeln und ihr Satzzusammenhang ähnlich geordnet sind
wie Zitate in Büchmanns „Geflügelten Worten“.
Aus anonymen Anwürfen und Vergleichstexten von Verdächtigen
sucht Drommel Besonderheiten in Orthographie und Satzbau
und prüft, ob stereotype Sprachmerkmale wiederkehren. Eine
„linguistische Differentialdiagnose“ definiert in sieben
verschiedenen Arbeitsgängen Alter, Geschlecht und Beruf
des Schreibers, sein soziales Umfeld und seine regionale
Herkunft.
So wurde ein Anonymus, der in Briefen ans Mainzer Innenministerium
und an die Staatsanwaltschaft einen Polizeichef verleumdet
hatte, an seiner Polizistensprache entlarvt. Standardisierte
Formeln, wie sie auch in Vernehmungsprotokollen stehen („wohnhaft“,
„mir ist bekannt“, „weitere Angaben kann ich nicht machen“),
lenkten den Verdacht auf ein rheinisches Kleinstadt-Revier.
Dort sitzt ein Beamter, der in Ermittlungsberichten eine
einige Orthographie pflegt („Pkw“ statt „PKW“, „z.H.d.“
statt „zu Händen von“) – dieselbe wie der Briefschreiber.
Mancher falsche Dativ anstelle eines Akkusativs in den Protokollen
wie in den anonymen Texten bestätige die Vermutung: Der
Autor der Schmähpost war ein Ostpreuße; demnächst steht
der Polizeibeamte vor Gericht.
Nicht nur bei Privatfehden, auch im Auftrag von Firmen
helfen Drommel und seine Linguistik-Kollegen mit Gutachten
(Preis: 3000 bis 5000 Mark) aus. So hatte im Rheinland ein
Hersteller von Lautsprecher als Originalverpackung Kartons
mit dem Firmensignet eines Konkurrenten verwendet, die noch
aus früherer geschäftlicher Zusammenarbeit vorrätig waren.
Ein Rundschreiben an zahlreiche Einzelhändler und an Testzeitschriften,
aufgemacht als angeblicher „Branchen-Pressedienst FAZ“,
verweis auf „Schadensersatzklage“ und „Strafantrag wegen
meineidlicher Falschaussage“ gegen den Karton-Klau.
Das 56-Seiten-Gutachten, in dem sich Drommel ausgiebig
mit Kasus- und Satzbaufehlern auseinandersetzte, ließ „nicht
den geringsten Zweifel“ aufkommen, dass der geschädigte
Konkurrent der Verfasser der fingierten Rundum-Post war.
„Linguistische Fingerabdrücke“, ein überflüssiges Komma
etwa oder das Wort „kreativ“ oder mit „c“, deckten sich
mit Schreiweisen im Firmenprospekt des Elektronikproduzenten,
in dem anglizistische „c“ –Varianten („excellent“, „Oscillograph“,
„scriptum“) besonders häufig vorkamen.
In Bayern waren anonyme Briefe an den Geschäftsführer einer
Versicherung mit einer so auffälligen Syntax verschickt
worden („Du hast den Staat mit Steuer betrogen, du hast
1/2-1/2 mit der Bank gemacht, sollen wir weiter aufzählen?“),
dass alles auf eine jugoslawische Verfasserin hindeutete,
die wenige Wochen zuvor gekündigt hatte. Sie forderte vom
Chef, auch im Namen einiger Vertriebskollegen, „mindestens
300 000 pro Nase“.
Kriminaltechniker des Bundeskriminalamt (BKA) sind entsetzt,
dass Drommel das Polizeiliche Know-how über Droh- und Expresserbriefe
so freimütig in Uni- und IHK- Veranstaltungen ausplaudert.
„Wenn jeder Anonymus lesen kann, wie wir ihm auf die Schliche
kommen“, klagt BKA-Mathematiker Ulrich Perret, „dann schreibt
er vielleicht bald nur noch kurze Standardsätze, und der
Fahndungsansatz geht flöten.“
Perret hat in Wiesbaden das EDV-Programm „Textor“ entwickelt,
das jedes Wort, jede Sequenz aus anonymen Schreiben in seine
Grundformen zerlegt. Jeder Schreibfehler, jede typographische
Eigenheit wird in die BKA-Dateien eingegeben. Eine Lexikon-Datei
macht die Suchbegriffe allzeit verfügbar, ein Wörterbuch
verweist auf Fundstellen, denen sie entstammen.
Über diesem Verfahren der Textanalyse brütete schon der
frühere BKA-Präsident und RAF-Verfolger Horst Herold, der
stets darüber lamentierte, dass „die sprachliche Komponente“
bei der Analyse von Kommando-Erklärungen „unberücksichtigt
bleibt“.
Doch Perret kam nicht sehr weit bei seinen Versuchen, hinter
den Absonderungen der Revolutionären Zellen, der roten Zora
oder der RAF spezielle Federn zu erkennen: „Die Vergleichbarkeit
der Texte“, entschuldigt sich der BKA-Analytiker, sei „durch
das weitgehende Fehlen individual-sprachlicher Merkmale
sehr erschwert“. In der praktischen Fallarbeit reicht es
denn auch oft nur zu „BKA-internen Ermittlungshinweisen“.
Höchstens „alle 14 Tage“ (ein Insider) wird das BKA-System
„Textor“ in einem Ermittlungsfall eingesetzt. Selten gelingen
Gutachten bis zur Beweisreife.
Die BKA-Wortstatistik, behauptet Gutachter Drommel, sei
längst noch keine linguistische Textanalyse, sondern „das
reinste Erbsenzählen“, das Ergebnis mithin für eine Auswertung
„völlig wertlos“. Wenn der Kölner Wissenschaftler im Wiesbadener
Amt zum Fachsimpeln weilt, fühlt er sich „wie ein Bote,
der Menschen auf einer einsamen Insel die Errungenschaften
moderner Zivilisation und Technik nahebringen will“.
Die BKA-Kriminaltechniker machen auch nicht allzu viel
Reklame für das „Textor“-Modell. Sie wollen nicht von Lawinen
anonymer Post überschüttet werden, die als neuer Vergleichsstoff
in den Computer eingegeben werden müssten, die als neuer
Perret rät den Opfern alltäglicher Schmähbriefe, die Corpora
delicti „von privaten Sprachschulen“ analysieren zu lassen.
Das BKA möchte „nur harte Nüsse“ knacken und wenige Gutachten
abgeben. „Dazu“, meint Perret, „reicht systematisierter
Common sense.“
Was Perret und zwei seiner BKA-Kollegen gelegentlich im
Fachblatt „Kriminalistik“ über die „sehr begrenzten Erfahrungen“
des Wiesbadener Amtes auf dem Gebiet des forensischen Textvergleichs
referieren, bewerten akademisch geschulte Linguisten abfällig
als „Etikettenschwindel“ und „Dornröschenschlaf“. Es sei
„ein Politikum“, so Drommel, dass sich die kriminologische
Forschung im BKA anmaße, „auf eine Unmenge von Verfahren
und Prozeduren der Linguistik zu verzichten“.
Während BKA-Vizepräsident Hans Zachert es für „undenkbar“
hält, die BKA-Nachwuchsschulung in Drommels Seminaren zu
absolvieren, sieht Drommel selber für Sprachwissenschaftler
reale Berufchancen im Kriminal-Milieu. Bei Mord Kommissionen
in Nordrhein-Westfallen hat sich herumgesprochen, wie clever
Linguisten Fälle klären können – so etwa die Sache Monika.
In Briefen, die eindeutig echt waren, hatte die erstickte
Monika Baumhardt ihrem Rainer „echt herbe Dinge“ gestanden:
dass sie mit „Valium 10“ auf die abschüssige Drogen-Bahn
geraten sei und dass ihr Chef Heinz Kremer sie mit immer
höheren Dosen „auf dem Strich“ haben wollte. Um ihre Schulden
bei ihm „auf andere Weise“ zu begleichen, habe sie schließlich
mit Kremer einen Überfall auf dem Kiosk fingiert: „Er räumte
es aus, sperrte mich in den Toiletten ein, und als er fort
war, schrie ich um Hilfe.“
Weil nach den Recherchen der Staatsanwaltschaft Kremer
diese Vorwürfe entkräften und Ex-Freund Rainer andererseits
seine Vaterschaft leugnen wollte, sollen die beiden Männer
verabredet haben, „Plaudertasche Moni mal ins Gebet zu nehmen“
(ein Kripo-Ermittler), und zwar jeder für sich.
Nach der Aussprache über die Vaterschaft habe Kremer unter
einer Autobahnbrücke die Ex-Freundin seines Schwagers Rainer
zu „weiterer Seelenmassage“ übernommen. In seinem Wohnmobil
habe Kremer seiner früheren Kioskangestellten dann entlastende
Briefe diktiert – an den mutmaßlichen Vater von Tochter
Jessika, dann an sich selber: „Du hast mit dem Raub nichts
zu tun, und was meine anderen Aussagen betrifft, so habe
ich auch gelogen.“
Danach will Kremer die für ihn gefährliche Zeugin gefesselt
haben, um sie aus dem Gesichtskreis der Bonner Kripo nach
Süddeutschland zu bringen. Damit sie nicht schrie, will
er ihr Mund verklebt und einen Plastiksack übergestülpt
haben- mit einem Atemschlitz. Anderntags, nach einem Nickerchen
auf einem Parkplatz bei Nürnberg, entdeckte der Kidnapper,
dass seine Geisel sich nicht mehr regte: „Sanfter Erstickungstod“,
befanden später Bonner Gerichtmediziner.
Drommel stelle fest, dass die Anrede „Hallo, Rainer“ und
Wendungen wie „eigentlich bin ich“, „schwersauer“ oder „blöd,
was“ nicht zum Brief- und Tagebuch-Stil Monika Baumhardts
passen. Just jene Floskeln fanden sich aber in einem Kassibers
Kremers an seine Frau („Hallo, Sternchen“).
Einen entscheidenden Anhaltspunkt dafür, dass der tatverdächtige
Kremer das Opfer im Wohnmobil zum Schreiben nach Diktat
gezwungen haben muss, sah Drommel in der Ähnlichkeit der
Formulierungen „Vater meiner Tochter „ (Brief an Rainer)
und „Mutter meines Sohnes“ (Kassiber).
Der Angeklagte gab sich geschlagen. Am Dienstag vor Pfingsten
begann vor einem Bonner Schwurgericht der Prozess. Hauptbelastungszeuge
wird der Linguist Drommel sein.
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